Biblis

Jägersburger Wald Kampfmittelräumdienst arbeitet im Staatsforst am ehemaligen Nazi-Flugplatz / Überraschte Spaziergängerin

Phosphorbomben entschärft – Feuerwehr sperrt Gelände ab

Biblis.Der Angriff Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Es ist 80 Jahre her. Am 8. Mai 1945 kapitulierte das „Deutsche Reich“ bedingungslos. Soweit die rein historisch-kalendarischen Daten. Heute wundert sich eine junge Frau via Facebook, dass die Feuerwehr sie im Wald bei Biblis nicht hat weiterspazieren lassen – weil da gerade eine Phosphorbombe entschärft wurde. Unvorstellbar, aber wahr: Dieses infernalische Tötungsinstrument stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Bombe ist nur eine von Tausenden, die damals nicht detonierten.

Die Bibliserin kritisiert auf Facebook, dass nicht die Feuerwehr ihrer Heimatgemeinde, sondern erst die Einhäuser Wehr ihr das Weitergehen untersagt hat. Bürgermeister Felix Kusicka erklärt auf unsere Nachfrage: „Die Gemeinde Biblis war über den Vorgang nicht informiert. Wir wurden vor einigen Wochen lediglich darüber in Kenntnis gesetzt, dass der Kampfmittelräumdienst dort auf dem Gebiet des Staatsforst, also Hessenforst, aktiv sein wird. Für die Sicherheitsmaßnahmen ist der Kampfmittelräumdienst zuständig.“

„Richtig“, sagt Ralf Schepp, Leiter des Forstamts Lampertheim. Der Kampfmittelräumdienst arbeite derzeit auf dem Gelände bei Biblis und Einhausen. Und wenn die Bibliser Spaziergängerin von der Einhäuser Feuerwehr abgewiesen worden sei, „dann haben wir alles richtig gemacht“, sagt er. Im Staatswald bei Einhausen seien tatsächlich Phosphorbomben entschärft worden.

Ralf Schepps Gebiet umfasst das hessische Ried, die Bergstraße und den vorderen Odenwald. Hier bewirtschaften zehn Förstereien über 16 000 Hektar Wald (1 Hektar = 10 000 Quadratmeter). Aber kein Gebiet hat es buchstäblich derart in sich, wie das beim Bibliser Jägerhof. Zum einen wurde der dortige Fliegerhorst der Nazis von den Alliierten massiv bombadiert. Zum anderen haben die Deutschen zu Kriegsende versucht, die unterirdischen Munitionsdepots in die Luft zu jagen. Dabei wurden zahllose Geschosse und Bomben in die Umgebung katapultiert, ohne zu detonieren.

„Zünder zersetzen sich“

Der Förster spricht über die Kampfmittel wie ein Fachmann. „Zwangsläufig“, sagt Schepp. Und explosive Altlasten würden dem Gebiet am Jägerhof „noch mindestens zehn Jahre“ erhalten bleiben.

Wenn Phosphorbomben entschärft werden sollen, müsse immer die Feuerwehr dazukommen, erklärt der Forstamtsleiter. Schließlich brenne Phosphor fürchterlich und entwickle enorme Hitze. Generell sei es den Kampfmittelräumern am liebsten, wenn sie Munition bergen, verladen und an speziellen Orten unschädlich machen könnten. Viele Bomben und Geschosse sind dazu allerdings zu fragil. „Wissen Sie, warum das Thema erst jetzt, über 70 Jahre nach dem Krieg, derart an Bedeutung gewinnt?“, fragt der Forstamtleiter rhetorisch. „Weil die Zünder immer mehr zersetzt werden. Die Gefahr, dass das Zeug in die Luft geht, wird immer größer.“

Laut Schepp sind etwa 400 Hektar Staatswald rund um den Jägerhof kampfmittelverseucht. Pro Jahr schaffe der Räumdienst rund 20 Hektar; bis heute seien 150 Hektar gesäubert. Wie schnell es weitergehen kann, hänge immer auch vom Haushalt des Landes ab, so Schepp. 20 Hektar zu säubern, koste in der Regel bis zu 200 000 Euro.

Der Gemeinde gehören rund 100 Hektar Wald in dem Gebiet. Es zu räumen, würde Biblis 1,5 Millionen Euro kosten, macht Bürgermeister Felix Kusicka deutlich. Eine Summe, die der Kämmerer nicht darstellen könne. Laut Gesetz kommt der Bund für die Räumung alliierter Munition auf. Weil beim Jägerhof auch Deutsche liegt, muss die Gemeinde bezahlen.

Ralf Schepp sagt, der Facebook-Beitrag der Bibliserin habe sein Gutes: „Jetzt können wir den Leuten noch einmal einschärfen, da draußen um Gottes willen auf den Wegen zu bleiben.“

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