Biblis

Geschichte Der Bibliser Dietmar Borries zeigt seine Feldpost-Sammlung aus dem Ersten Weltkrieg / Emotionale Zeitdokumente

Zum Abschied „Küsse an alle“

Biblis.„Wussten Sie, dass es auch heute noch Feldpost gibt?“, fragt Dietmar Borries. Er hat den „Südhessen Morgen“ zu sich eingeladen, um Post aus 100 Jahren zu zeigen: Der 68-Jährige verfügt über eine Sammlung, die von Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg bis zu den Briefen heutiger Bundeswehr-Soldaten reicht. Borries ist Sammler und Vorsitzender des Vereins für Briefmarken und Münzenkunde Biblis.

Borries hat seine vielen Karten für eine Ausstellung in der Weihnachtszeit vorbereitet. Im Nordheimer Burg-Stein-Museum wird diese dann zu sehen sein. Für das Gespräch hat er seine Sammlung vor sich aufgeschlagen: Chronologisch sortiert finden sich Karten von 1914 bis 1918 in zwei dicken Ordnern. Der Verlauf des Krieges wird hier im Postkartenformat deutlich nachvollziehbar und Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes greifbar. Auf manchen Stücken finden sich Gruppenfotos oder politische Karikaturen – andere wirken wie moderne Ansichtskarten. Wieder anderen sieht man anhand der Kennzeichnung an, dass sie aus einem Lazarett verschickt worden sind. Inhaltlich wird in fast allen Karten eines deutlich: Insbesondere gegen Ende der Kämpfe ging es darum, die Kriegsmoral zu wahren – wie damals gefordert. Bloß nicht jammern, möglichst nüchtern die immer schlechter werdende Situation schildern. Die Postkarten wurden zudem kontrolliert und zensiert.

Borries beschreibt, dass man im Verlauf der Kriegsjahre erkennt, wie die Menschen immer verzweifelter wurden. „Sie sehnen das Ende des Krieges herbei, das wird ganz deutlich“, sagt er. „Es wird viel von der Sinnlosigkeit geschrieben. Die Leute verstehen, es macht keinen Sinn mehr, hier zu sein.“

Eine Karte trägt den Stempel „Aus militärischen Gründen verspätet“ – Borries hält sie vielsagend hoch. Dieser Stempel verhieß für die Empfänger nichts Gutes, auf alle Fälle aber Ungewissheit.

Die Empfänger, das waren meist Ehefrauen, Familien, Freunde oder Bekannte. Da wird eine Tilla, eine Gretel, eine Emma oder eine Wilhelmine schmerzlichst vermisst. Viele Karten, die bei Borries auf dem Tisch liegen, beginnen mit „Liebe Frau“ oder „Lieber Schatz“ und enden mit „Grüße an die Kinder, an Mutter und an Vater“. Die Sorge ist – wenn auch nicht immer explizit erwähnt – das zentrale Element in den Poststücken. Mal ist es Fürsorge aus der Ferne, mal beklemmende Angst. Aber auch untereinander verschickten die Soldaten Nachrichten von der Front. Sie tauschten sich über die aktuelle Lage und den eigenen Zustand aus.

Auch gibt es vielfältige Motive: Weihnachtskarten mit Soldaten, die um den geschmückten Baum stehen. „Weihnachten im Feld“, ist daneben zu lesen. Botschaften mit Liebesgrüßen und erotischem Inhalt waren ebenfalls an der Tagesordnung, wie Borries erzählt. Er zeigt ein Exemplar, auf dem eine komplett bekleidete Frau sehnsuchtsvoll in die Ferne schaut. Darunter der Schriftzug: „Frau mit Schlafzimmerblick“. Man hielt sich zu dieser Zeit bei solchen Themen bedeckter, beschreibt Borries.

Der Heimaturlaub nimmt zudem eine wichtige Stellung ein. Es geht um Urlaubsanträge und -zeiten. Aus einigen Karten liest man auch ab, dass Soldaten in Urlaub waren, aber den Adressaten wohl in der Heimat verpasst haben. Es sind schmerzliche Zeilen. Einfach geschrieben, aber doch voller Emotion.

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