Bürstadt

Obdachlosenunterkunft Rathaus prüft Gebiet nördlich der Bobstädter Straße / Neues Konzept mit Betreuung in Arbeit / Mehrere Standorte kommen in Frage

Anwohner protestieren: Keine zweite Steinlache

Archivartikel

Bürstadt.Die Anwohner der Bobstädter Straße sind wütend: „Wir wollen keine zweite Steinlache!“, verkünden sie lautstark. Die Stadt prüft zurzeit, ob ein Grundstück in der Nachbarschaft für eine Obdachlosenunterkunft in Frage kommt. Grund genug für nahezu 50 Männer, Frauen und Kinder, sich im Nieselregen auf die Straße zu begeben und ihren Widerstand anzukündigen.

Steinlache – der Straßenname stand jahrelang für einen sozialen Brennpunkt im Bürstädter Norden. „Wir haben überhaupt nichts dagegen, wenn hier Menschen untergebracht werden, die keine Wohnung mehr haben. Aber so wie damals darf es hier auf keinen Fall mehr werden“, begründet Martina März den Protest. Sie kann sich, wie auch viele ältere Nachbarn, nur zu gut an die Zustände erinnern. „Da waren sehr viel Alkohol und Drogen im Spiel“, berichten sie. „Ich bin jeden Abend mit dem Hund dort vorbei gelaufen, und an jedem zweiten Tag wurden mir Schläge angedroht“, erinnert sich die Bürstädterin.

Also haben sie und ihr Mann in den vergangenen Tagen an den Türen in der Umgebung geklingelt und die Nachbarn zusammengetrommelt – mit Erfolg. „Ihr müsst euch unbedingt wehren, wenn ihr nicht ständig wieder Angst um eure Kinder haben wollt“, ruft eine Seniorin zum Widerstand auf. Dafür erhält sie kräftigen Beifall. Drogen und Alkohol in ihrem Viertel, das wollen die Menschen hier auf keinen Fall mehr dulden. Der gesamte Bereich nördlich der Bobstädter Straße sei nicht geeignet für eine solche Einrichtung, darin sind sich alle einig. Im Einkaufszentrum am Bibliser Pfad sehen sie ebenfalls keinen Platz dafür. „Wir wollen unsere Kinder auch in Zukunft ohne Angst zum Bäcker schicken können“, erklärt Karlheinz Huth, der noch schnell Listen für die Unterschriften kopieren geht. Einige hat er zwar mitgebracht, die reichen allerdings bei weitem nicht aus. „Mit so einer Resonanz habe ich nicht gerechnet“, sagt er. Die Unterschriften will er mit einigen Mitstreitern im Rathaus übergeben. „Wir sind dabei“, signalisieren einige jüngere Teilnehmer spontan. „Als ich vor fünf Jahren mit meiner Familie hierher gezogen bin, hätte ich mit so etwas nicht gerechnet“, schüttelt ein junger Vater den Kopf.

Für Bürgermeisterin Bärbel Schader kommt der heftige Protest zu diesem Zeitpunkt überraschend. „Es ist noch überhaupt nichts entschieden“, gibt sie auf Nachfrage unserer Redaktion Auskunft. Zurzeit werde lediglich geprüft, an welchem Standort eine neue Unterkunft gebaut werden können. Dabei kämen immer noch mehrere Alternativen in Frage.

„Das sind Schicksale“

Allerdings werde ein solches Domizil nicht mit der „Steinlache“ vor 20 Jahren vergleichbar sein, versichert Ordnungsamtsleiter Rainer Stöckel: „Es wird eine Betreuung vor Ort geben, die Leute bleiben sich nicht selbst überlassen.“

Zurzeit wird in Bürstadt ein neues Konzept erarbeitet, wo und vor allem wie obdachlose Menschen untergebracht werden sollen. Nachdem die Zustände in der Unterkunft Görlitzer Straße unerträglich geworden sind, soll das Gebäude abgerissen werden. Künftig werden Familien, die in Not geraten sind, an anderer Stelle untergebracht werden. Und nicht mehr gemeinsam mit Menschen, die wegen ihrer Suchtprobleme ganz andere Hilfestellungen brauchen. „Ziel ist es immer, die Leute wieder in den Alltag zu integrieren“, betont Bärbel Schader.

Die Stadt sei dazu verpflichtet, Menschen eine Unterkunft zu stellen, wenn sie keinen Platz zum Wohnen und Schlafen mehr haben. „Das sind Schicksale. Und wir haben hier soziale Verantwortung.“ sbo

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