Bürstadt

Handwerk Kleine Bäckereien wie Gebhardt oder Öhlenschläger im Ried stehen vor großen Herausforderungen / Preise steigen

„Bin mit Herz und Seele dabei“

Archivartikel

Bürstadt/Groß-Rohrheim.„Früher gab es sieben Bäckereien im Ort, heute sind wir die einzigen“, sagt Stefan Öhlenschläger in seiner Backstube in Groß-Rohrheim. „Wenn das Kaufverhalten so wäre wie früher, müsste ich rund um die Uhr arbeiten.“ Doch die Kunden greifen verstärkt im Supermarkt zu. „Überall gibt es die Backöfen, und verkauft wird zu Niedrigpreisen“, erklärt Gregor Gebhardt aus Bürstadt das Problem seiner Branche.

Kleine Bäckereien stehen vor großen Herausforderungen. Ihre Zahl sinkt deutschlandweit. In Bürstadt fühlen sich Gebhardt und Friedle dem Handwerk verpflichtet, in Biblis ist Alfred Helmling übrig geblieben. In Groß-Rohrheim führt Stefan Öhlenschläger in zehnter Generation das Geschäft.

Dass die Leute zu Produkten aus Backautomaten greifen, die in Osteuropa oder sogar Fernost produziert wurden, kann Öhlenschläger nicht verstehen. Vor allem jetzt, wo gesunde Ernährung und regionale Produkte immer mehr gefragt seien. Der 41-Jährige bezieht sein Mehl von einer Mühle in der Pfalz. „Ich brauche gleichbleibend hohe Qualität, sonst würden unsere Brötchen unterschiedlich groß ausfallen.“ Er lehnt Billigprodukte ab und zahlt lieber mehr für hochwertige Ware.

„Dieses Jahr ist der Preis für Mehl drastisch nach oben gegangen. Wir mussten unsere Preise anpassen“, sagt Öhlenschläger. „Wir zahlen jetzt 32 statt zuvor 27 Euro für den Doppelzentner Mehl“, erzählt auch Gregor Gebhardt. Er hat seine Preise um zehn Prozent erhöht. Der Mohn sei sogar um 70 Prozent teurer geworden, Obst um rund 20 Prozent. „Die Lieferanten legen die Lkw-Maut auf die Preise für Rohstoffe um“, meint der 53-Jährige. Seinen 33 Mitarbeitern zahle er zudem drei Prozent mehr Lohn.

Der Bürstädter bildet derzeit zwei Bäcker aus. Er ist froh, noch Azubis zu finden. Auch eine Verkäuferin lernt in seinem Betrieb. Die beiden Flüchtlinge, die ihm als Hilfsarbeiter, also zum Geschirr spülen und Bleche putzen, zur Hand gingen, hat der 53-Jährige dagegen „verloren“: „Der eine macht ein duales Studium, der andere arbeitet im Rossmann-Lager“, sagt Gebhardt. Er ist froh und stolz, dass sie ihren Weg gehen. „Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht und würde auch wieder Asylbewerber einstellen.“

Stefan Öhlenschläger findet es „sehr schwierig, gutes Personal zu finden.“ Deshalb habe er die Filialen in Gernsheim und Nordheim geschlossen, als er vor zehn Jahren den Betrieb von seinem Vater Rolf Öhlenschläger übernommen hat. In der Backstube steht der 41-Jährige alleine als Bäcker. Den Verkauf schultern seine Schwester und seine Lebensgefährtin mit Aushilfen.

Am Nachmittag frei

Auch wenn es oft stressig ist, liebt Gebhardt seinen Beruf. „Ich bin mit Herz und Seele dabei!“ Auch Stefan Öhlenschläger sagt: „Mir gefällt die Kreativität und dass ich mich entfalten kann.“ Er entwickelt gerne neue Produkte und ändert regelmäßig das Sortiment. Diese Flexibilität hätten große Ketten eben nicht. Zudem seien sie oft teurer als die kleinen, alteingesessenen Bäckereien.

Vor Weihnachten geht es besonders heiß her, dafür sei es im Januar dann wieder ruhiger. „Ich habe die Arbeitszeiten noch nie als Nachteil angesehen, immerhin habe ich den Nachmittag frei“, sagt der 41-Jährige. Dafür steht er aber auch schon um 2.30 Uhr in der Backstube.

Sein Kollege in Bürstadt fängt sogar noch eine Stunde eher an. Gegen 10 Uhr am Vormittag ist Gregor Gebhardt dann fertig. Zumindest in der Backstube. Nur freitags arbeitet er anders: von 20.30 Uhr bis zum frühen Morgen. „Weil wir samstags ein anderes Sortiment haben“, erklärt der 53-Jährige. Sonntags gibt’s bei ihm bislang keine Brötchen – auch wenn es lukrativ wäre, wie er zugibt.

Das hält auch Stefan Öhlenschläger in Groß-Rohrheim so. Er brauche die Auszeit, und seine Mitarbeiter auch. Denn Feierabend haben die beiden Selbstständigen im Grunde nie: Ware ausliefern, Rechnungen überweisen, Bestellungen erledigen – immer sei noch etwas zu tun.

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