Bürstadt

Ausbildung Handwerker schildern schwierige Situation / Kaum Bewerber und hohe Abbrecherquote

„Da bricht ein Stück Zukunft ab“

Archivartikel

Bürstadt/Biblis/Groß-Rohrheim.„Schon Sokrates hat geschimpft, die Jugend tauge nichts“, sagt Volker Scheib. Das sei ein alter Hut. Trotzdem bemängelt der Schlossermeister aus Biblis, dass vielen Jugendlichen heutzutage wichtige Tugenden fehlen: Scheib erlebt schlechte Umgangsformen, mangelnde Team- und Kritikfähigkeit sowie schwache Konzentrationsleistung. Auch am Durchhaltevermögen hapert es laut Scheib – zumindest im Handwerk: Bei Metallbauern liege die Abbrecherquote bei 50 Prozent. „Das ist unser Sorgenkind. Da bricht ein Stück Zukunft ab.“

Noch schlechter ergeht es Michael Gärtner in Bürstadt. Er hat keine Bewerber. Gärtner führt Doll’s Metzgerei mit sechs Filialen und 90 Mitarbeitern. Mit Aushängen, Flyern und über Facebook hat er für die Ausbildungsstellen geworben – vergeblich. „Dabei kann ein ausgebildeter Fleischer oder Fleischtechniker danach einen Betrieb übernehmen oder sonst eine tolle Karriere machen“, sagt der Geschäftsführer und denkt dabei an seinen eigenen Werdegang. Mit schwerer Arbeit im blutverschmierten Kittel hätten Metzger längst nichts mehr zu tun. Der Beruf habe sich stark gewandelt. „Wir haben hier tolle Ausbilder und die besten Maschinen“, sagt Gärtner selbstbewusst.

Stellen bleiben offen

Qualifizierte Azubis zu finden, stellt auch noch größere Unternehmen wie Otto Cosmetic mit 250 Mitarbeitern in Groß-Rohrheim vor Schwierigkeiten. „Wer in Mathematik oder den Naturwissenschaften Note 4 hat, wird sich als Mechatroniker oder Elektroniker in der Ausbildung schwer tun“, erklärt ein Sprecher des Unternehmens. Zudem mangele es einigen Bewerbern an Sozialkompetenz, was im Vorstellungsgespräch auffalle. Sieben neue Azubis wollte Otto Cosmetic einstellen, doch drei Ausbildungsplätze bleiben offen: Zwei Azubis für Maschinen- und Anlagenführer sowie ein angehender Mechatroniker fehlen. „Es gab zwar einige wenige Bewerbungen, aber es war niemand dabei, der sich geeignet hat“, sagt Ausbilder Klaus Weidmann. Das sei schade, zumal die Chancen, als Facharbeiter übernommen zu werden, gut stünden.

Die Situation der Bewerbungen ist nach Angaben von Weidmann in den vergangenen Jahren immer schlechter geworden: sowohl was die Anzahl als auch die Qualität angehe. „Wenn man die Noten und unentschuldigten Fehltage anschaut, schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen!“ Im Büro ist die Situation einfacher. Dort hat Janine Adler gerade ihre Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen. „Ich habe vor vier Jahren Abi gemacht und danach Jura studiert. Aber das war nicht meine Welt“, erzählt die 24-Jährige. Daher hat sie sich für eine Ausbildung entschieden. Bei der Recherche im Internet stieß sie auf die Stellenanzeigen von Otto Cosmetic. Außer ihr hat noch ein Industriemechaniker seine Lehre angefangen. Jetzt im September beginnen zudem zwei weitere Azubis als Produktionsfachkraft Chemie.

Weil die Suche nach Lehrlingen immer schwieriger wird, bieten viele Betriebe ein Praktikum an. So kamen schon einige Jugendliche zu Otto Cosmetic, die geblieben sind. Zum gegenseitigen Kennenlernen sei das unerlässlich, findet auch Volker Lausecker vom Auto- und Motorradhaus in Bürstadt. Und der Bibliser Friseur Uwe Schnatz lässt sogar Praktikanten einen Tag zum Probe arbeiten kommen. „Ich will wissen, ob wir zusammen passen.“ Immerhin haben die jungen Leute sofort Kundenkontakt in seinem Salon.

Volker Lausecker bildet seit 1993 aus. Im Moment sind sieben Azubis da. Sie lernen Kfz- oder Zweirad-Mechatroniker. „Früher kamen im Schnitt zehn bis 15 Bewerbungen rein. Und jetzt? Ich gehe in die Vereine, um junge Leute anzusprechen.“ Lausecker hat schon einige schlechte Erfahrungen gemacht. „Die jungen Leute wollen gleich viel Geld verdienen, dafür aber nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Wenn sie keinen Bock haben, brechen sie ab.“ Bei seinen letzten drei Azubis war das so, erzählt der Bürstädter frustriert. „Dass ich das nicht hingekriegt habe, ist schon enttäuschend.“ Aber er gibt nicht auf – und hat zwei neue Azubis im Bereich Motorrad eingestellt: „Das sind zwei gute, die machen alles wieder wett“, sagt er euphorisch.

Gesellen gebraucht

Zufrieden ist auch Volker Scheib mit seinem Azubi. Doch in der Kreishandwerkerschaft gebe es viele Klagen: „Es ist viel frei und viel zu tun. Metallbauer steht in der Hitliste der Berufe bei den Jugendlichen nicht gerade weit oben.“ Im Kreis gebe es nur 20 Azubis im ersten Lehrjahr. Bundesweit sind es laut Scheib 250. „Wir gehen offensiv mit Migranten um – und unterstützen sie auch mit Sprachkursen. Zum Beispiel gibt’s etliche Afghanen, und sie sind in der Regel sehr verlässliche Mitarbeiter. Aber wir haben immer Angst, dass sie abgeschoben werden.“ Das ist für ihn völlig unverständlich.

„Der Fachkräftemangel macht bald so richtig Probleme: Wenn die Generation der 60er-Jahrgänge in Ruhestand geht“, sagt Volker Lausecker. Er versucht, dem entgegenzuwirken, indem er Praktika anbietet und ausbildet. „Sonst haben wir gar keine Chance, Gesellen zu finden.“

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