Bürstadt

Gewalt Einsatzkräften schlägt immer öfter ein rauer Ton entgegen / Handgreiflichkeiten selten

„Der Egoismus in der Gesellschaft nimmt zu“

Archivartikel

Bürstadt/Biblis/Groß-Rohrheim.Respektlosigkeit, Beleidigungen, Drohungen – all das erleben Polizei, Feuerwehr oder der Rettungsdienst vermehrt seit einigen Jahren. Die jüngsten Ausschreitungen in Stuttgart, bei denen auch Polizisten verletzt wurden, hat die Gewerkschaft der Feuerwehr dazu veranlasst, erneut Alarm zu schlagen. „Wenn Polizisten, organisiert, in einer Art und Weise angegriffen und verletzt werden, wie jetzt in Stuttgart, wer ist dann der nächste? Feuerwehr, Rettungsdienst, THW?“, so der Bundesvorsitzende der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft, Siegfried Maier, in einer Pressemitteilung. „Solche Taten blockieren und verlangsamen Hilfe, die meist schnell kommen soll.“

Dass Pöbeleien gegen seine Mitarbeiter zunehmen, kann auch Patrick Schönbeck, stellvertretender Rettungsdienstleiter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Heppenheim – und zuständig für Bürstadt, Biblis und Groß-Rohrheim – bestätigen: „Das gibt es immer mal wieder und es ist seit Jahren zunehmend. Gerade in bestimmten Einsatzsituationen, wenn zum Beispiel bei einem Unfall eine Straße gesperrt werden muss, gibt es viele, die aus dem Autofenster ihren Unmut kundtun“, erzählt Schönbeck. Die dezenteren Fälle würden die Mitarbeiter schon gar nicht mehr melden, „da ist schon eine gewisse Gewöhnung da“.

Die schlimmen Fälle könne er in den letzten Jahren an einer Hand abzählen: „Gott sei Dank haben wir aber wenig solcher nennenswerter Einsätze. Die wurden dann aber auch angezeigt, weil sie so heftig waren.“ Im vergangenen Jahr habe es zwei oder drei Handgreiflichkeiten gegenüber Mitarbeitern gegeben, ein bis zwei Mal sei es zu Sachbeschädigungen an Fahrzeugen oder Ähnlichem gekommen – bei insgesamt rund 40 000 Einsätzen im Jahr verteilt auf neun Rettungswachen im gesamten Kreis Bergstraße.

Unterschied Stadt und Land

Immer wieder ein Problem seien in diesem Zusammenhang große Feste. „Die Gesamtsituation sowie der Alkoholgenuss sind eine brisante Kombination. Mitarbeiter, die verstärkt dort eingesetzt werden, werden sicher mehr Situationen zu berichten haben als andere Kollegen“, ist sich Schönbeck sicher. Das DRK biete daher regelmäßig Gewaltpräventions-Schulungen für die Mitarbeiter an. „Wir versuchen, in solchen Situationen zu deeskalieren.“ Einen Unterschied gebe es aber auch zwischen ländlichen Gebieten und Städten. „Auf dem Land sind Pöbeleien oder Ausschreitungen gegen Einsatzkräfte seltener, davon bin ich überzeugt. Auf dem Land sieht man sich spätestens im nächsten Verein wieder, da kennen sich die Leute eher und sind zurückhaltender.“

„Wir waren noch nie von Pöbeleien oder Schlimmerem betroffen“, kann auch Rainer Donnerstag, Gemeindebrandinspektor bei der Feuerwehr in Groß-Rohrheim vermelden. „Wir haben kürzlich mit dem Bürgermeister darüber gesprochen. Toi, toi, toi, haben wir hier so etwas noch nicht.“ Die Groß-Rohrheimer seien hilfsbereit: „Wenn die Leute das Martinshorn hören, schauen sie sofort aus dem Fenster, und wenn jemand sein Auto an einer engeren Stelle geparkt hat, fährt er es schnell weg.“ Zudem sei Bürgermeister Rainer Bersch sehr hinterher, Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen. „Bei Straßenbegehungen sind wir gleich mit dabei, um Engstellen auszuloten und Sperrflächen zu kennzeichnen.“

Auch sein Kollege Ingo Ess aus Biblis gibt Entwarnung für seinen Bereich. „Handgreiflichkeiten gegen unsere Mitarbeiter haben wir hier glücklicherweise noch nicht gehabt“, sagt der Gemeindebrandinspektor. „Und die Pöbeleien würde ich nicht unbedingt als solche bezeichnen. Wenn eine Straße gesperrt werden muss, regt sich schon mancher auf, dass er da dann nicht mehr durchkommt. Da muss man als Einsatzkraft halt ein breites Kreuz haben.“ Merkbar sei, dass der Egoismus in der Gesellschaft zunehme: „Da werden dann die eigenen Interessen vorangestellt, obwohl gerade ein Unfall passiert ist.“ Seiner Meinung nach werden aber schlimmere Konfrontationen zunehmen. „Ich denke, das kommt auch noch zu uns. Der Umgangston in der Gesellschaft wird leider immer rauer“, so Ess.

Ausgelebter Frust

Die Art und Weise des Umgangstons der Menschen habe sich sicherlich verändert, bestätigt Bürstadts Stadtbrandinspektor Uwe Schwara. „Wir merken das zum Beispiel an Fastnacht, wo wir Absperrdienste etwa beim Umzug gemacht haben. Die Leute haben da teilweise wenig Verständnis und lassen ihrem Frust freien Lauf.“

In der Silvesternacht flögen auch schon mal Böller vor oder gegen das Einsatzfahrzeug. „Viele Verkehrsteilnehmer wollen nicht verstehen, warum sie da jetzt nicht durchfahren können. Da muss man als Einsatzkraft einfach versuchen, ruhig zu bleiben.“ Gezielte Schulungen für die Mitarbeiter gebe es für solche Fälle nicht. „Unsere Feuerwehrleute sind alle von der Ausbildung her so geschult, dass sie damit umgehen können“, so Schwara.

Insgesamt gebe es im Kreis Bergstraße einen Anstieg bei der Gewalt gegen Polizisten. „2019 hatten wir 42 Fälle, 2018 waren es 38 Fälle“, erklärt Christiane Hansmann, Sprecherin des Polizeipräsidiums Südhessen. Dabei sei es um körperliche Gewalt gegangen. „Bürstadt liegt jedoch entgegen dem Trend. Dort waren es 2019 zwei Fälle, 2018 drei. In Groß-Rohrheim und Biblis gab es in beiden Jahren keine Vorkommnisse.“

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional