Bürstadt

Interview Stadtverordnetenvorsteher Jürgen Eberle berichtet ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt von Herausforderungen und gemeisterten Problemen

„Die Krise hat mich sehr gefordert“

Archivartikel

Bürstadt.Im Besprechungszimmer steht zwar eine Art Thronsessel, Jürgen Eberle nimmt aber dennoch auf einem ganz normalen Bürostuhl Platz. Das ungewöhnliche Möbelstück ist eigentlich nur als Deko-Objekt stehen geblieben. „Da setze ich mich ganz bestimmt nicht drauf“, stellt er vor dem Interview mit dem „Südhessen Morgen“ klar. Auch wenn er seit einem halben Jahr Stadtverordnetenvorsteher und damit quasi Präsident der Stadt Bürstadt ist. Eigentlich wollte er sein Amt mit Ruhe und Bedacht angehen, erzählt er. Dann hat ihm die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Herr Eberle, seit sechs Monaten sind Sie im Amt, und dann gleich die Corona-Krise. Wie groß ist diese Herausforderung für Sie?

Jürgen Eberle: Eine Riesenherausforderung. Ich wollte eigentlich langsam starten, weil das höchste Amt der Stadt doch einiges erfordert und für mich komplett neu ist. Dann kam die Krise mit all den Neuerungen und Unwägbarkeiten. Das hat mich sehr gefordert.

Was war am schwierigsten?

Eberle. Mir ist es wichtig, als Politiker auch Ansprechpartner zu sein, und ich bin deshalb sehr gerne zu Vereinsveranstaltungen gegangen. Das ist von heute auf morgen weggebrochen. Mit der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr ging es los, die musste Mitte März abgesagt werden. Dann kam nichts mehr! Die Wochenenden mit den Menschen, die das Vereinsleben prägen, fehlen mir. Dass man diesen Kontakt nicht mehr hat, macht mir zu schaffen.

Vermissen Sie dabei auch die Rückmeldungen: Was wünschen und brauchen die Menschen?

Eberle. Auch das. Bei solchen Festen kommt man zwanglos auf einer Ebene ins Gespräch. Diese Meinungen habe ich gerne entgegengenommen, weil wir darüber in den Gremien diskutieren müssen. Die Bürger bringen wichtige Dinge vor, die wir Politiker so vielleicht gar nicht gesehen haben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eberle: Mir fällt ein positives Beispiel ein: Die LoPa (Lokale Partnerschaft, die Projekte wie den Bahnhofsumbau begleitet, Anm. der Redaktion) ist für uns ein Riesenideengeber in vielen Bereichen. Das ist eine von Bürgern gespeiste Gemeinschaft. Sie bringt immer etwas Frisches und Unverbrauchtes in die Ausschüsse und Stadtverordnetenversammlung, ohne vorgefärbte politische Meinung. Und die Diskussionen sind immer zielführend, es werden klare Ansagen gemacht.

Und ein Gegenbeispiel? Wo sagen Sie im Nachhinein, man hätte den Bürgern besser zuhören müssen? Bei der Messplatzbebauung vielleicht, über die sich viele Bobstädter sehr geärgert hatten?

Eberle: Das sehe ich nicht so kritisch.

Beim Umbau der Nibelungenstraße gab es ebenfalls sehr viele Diskussionen.

Eberle: Da gab es ja zum Glück die LoPa, die da sehr zielführend eingegriffen hat. Das war ein Top-Beispiel für Bürgerbeteiligung. Das Thema Spielhallen haben wir in den letzten Jahrzehnten allerdings unterschätzt. Da wurden wir zurecht kritisiert. Inzwischen haben wir verstanden: Es gibt zu viele davon in Bürstadt. Also sind wir dabei gegenzusteuern. Ein Beispiel ist der Bebauungsplan nördlich der Bobstädter Straße mit der Spielhalle im ehemaligen Penny. Die Vorgaben sollen hier geändert werden: Wenn die Spielhalle auszieht, gibt es keine Möglichkeit, eine neue einzurichten.

Funktioniert das auch bei den Rotlichtbetrieben in Bürstadt?

Eberle: Die Bordellgeschichten gehen auf ein Versäumnis aus den 70er Jahren zurück. Der Bestand ist da, da können wir im Nachhinein nichts mehr machen. Diese Vergnügungsstätten, Spielhallen, Wettbüros und Peepshows schließen wir künftig konsequent mithilfe der Bebauungspläne aus. Auch hier gilt: Wenn diese Betriebe schließen, dürfen keine neuen mehr einziehen.

Wie haben Sie sich auf ihr neues Amt vorbereitet?

Eberle: Ich hatte nur wenig Zeit zum Überlegen. Wir haben intern diskutiert, und dann hieß es: Mach du’s, bitte! Meine Vorgänger Bärbel Schader, Horst Strecker und Hans Unger waren Persönlichkeiten, die große Fußstapfen hinterlassen haben. Ich bin aber davon ausgegangen, dass ich das Amt mit Fleiß und Engagement stemmen kann. Aber es ist jeden Tag eine neue Herausforderung.

Sie leiten die Sitzungen der Stadtverordneten. Können Sie ihre Persönlichkeit mit einbringen?

Eberle: Ja, schon. In der Sitzung vor der Corona-Schließung am 18. März habe ich versucht, ein symbolisches Zeichen zu setzen, und bei den Fraktionen angeregt, die Plätze komplett durcheinander zu wählen. Einfach um zu zeigen, Bürstadt steht zusammen. Auf meinen Aufruf, die Sitzungsgelder an die Tafel zu spenden, sind übrigens 400 Euro zusammengekommen – großartig!

Danach kam es zum Corona-Sonderfall: Über die Mehrkosten für die Nibelungenstraße wurde im Umlaufverfahren abgestimmt, also ohne Diskussion und per Mail. Dafür gab es viel Kritik. Würden Sie das wieder so machen?

Eberle. Das würde ich. Die Kritik kam aus meiner Sicht durch Unkenntnis über den entsprechenden neuen Paragrafen zustande. Wir haben den Beschluss damals gebraucht, damit es beim Umbau keine Verzögerungen gibt. Ich hatte Angst, dass sich sonst alles bis in den Dezember gezogen hätte und den Ladeninhabern das Weihnachtsgeschäft vermiest. Da sind wir in einer gewissen Verpflichtung. Es geht es nicht darum, die Öffentlichkeit auszuschließen. Ausschlaggebend war der Gedanke: Das müssen wir jetzt machen.

Also keine „Entscheidung im stillen Kämmerlein“? Diese Kritik steht bei solchen Verfahren häufig im Raum.

Eberle: Wir haben unsere Zeitungsorgane und die öffentlichen Bekanntmachungen. Und wir können über die Tagesordnungspunkte auf der Homepage der Stadt Bürstadt informieren. Ich denke, dass wir transparent arbeiten. Aber wenn jemand eine Idee hat, wie es besser geht – gerne!

Was ist denn Ihre nächste große Herausforderung? Die Kommunalwahlen im März nächsten Jahres?

Eberle: Das ist momentan noch kein Thema. Der Wahlkampf wird im Herbst beginnen, die ganz heiße Phase kommt allerdings erst nächstes Jahr.

Für Bärbel Schader war das Amt des Stadtverordnetenvorstehers das Sprungbrett ins Bürgermeisteramt. Ist das auch Ihr Ziel?

Eberle (lacht und winkt ab): Das hätte ich mir vor einem Jahr noch überhaupt nicht vorstellen können. Aber wer weiß, was noch passiert im Leben.

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