Bürstadt

„Live erleben“ Richard Gress spricht in Bürstadt über sein außergewöhnliches Leben

Einer, den es immer in die Wildnis zieht

Bürstadt.„Dass mich die meisten Menschen für verrückt halten, ist mir klar.“ Diese bemerkenswerte Selbsteinschätzung stammt von einem Mann, der einen ganz und gar ungewöhnlichen Lebensstil gewählt hat und diesen am jetzt im Bürgerhaus in Bürstadt vorstellte. Der aus dem unterfränkischen Dingolshausen stammende Dokumentarfilmer Richard Gress weilte auf Einladung der Raiffeisenbank Ried in Bürstadt und präsentierte seine Arbeit der zurückliegenden Jahre in der Reihe „Live erleben“, zu welcher die Bank seit 1994 einmal jährlich besondere Gäste auf die Bühne bittet.

Sein beruflicher Weg zeichnete sich in frühen Jahren eigentlich ganz anders ab. Als gelernter Autolackierer hatte er sich der Kunst verschrieben, insbesondere der Airbrush-Malerei. Die Suche nach Motiven zog ihn erstmals in die Ferne. Das Abenteuer begann 1999, als ihn sein Weg nach Afrika führte. Im Südwesten von Äthiopien schloss er sich dem Volk der Surma an und fand dort Freunde.

Der Atem stockt

Nachdem Gress seine Erlebnisse mit einer Super-8-Kamera dokumentierte, entschloss er sich 2003, Arbeit und Wohnung in Deutschland aufzugeben, um sich für längere Zeit im Ausland aufhalten zu können. „In der Wildnis gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden“, weiß er. Doch die Art und Weise, wie er mit den Gefahren umgeht, hat ihn in Deutschland bekannt gemacht. Mit geradezu stoischer Ruhe begegnet er Tieren. Aus nächster Nähe beobachtet Gress, wie ein Rudel Hyänen sich über seine Beute hermacht oder Löwen auf einem Erdhügel in der Sonne dösen.

650 Zuschauern im Saal stockte der Atem, als ein imposanter und offenbar schlecht gelaunter Elefantenbulle auf ihn zurast. Was tut Gress? Er bleibt einfach stehen. Das mächtige Tier stoppt nur wenige Meter vor ihm ab.

Meist filmt er selbst. Er ist es auch, der das Material schneidet. 2007 brachte ihm eine Dokumentation über die Surma den Bayerischen Fernsehpreis. Doch nicht nur bei ihnen war er unterwegs. Am Amazonas und in Papua-Neuguinea lebte er mit den Ureinwohnern, beobachtete ihre Rituale, jagte und aß mit ihnen. Viel lernte er über die Jahre.

Nur einmal drehte er den Spieß um. Auf Wunsch einiger Surma nahm er diese mit in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba. Dort ereilte sie ein übler Kulturschock in Form von Rolltreppen, Hotelzimmern, gekühlten Getränken und Essbesteck. Den Humor verlor er aber selbst in Extremsituationen nie.

Ein deformierter Mund infolge eines Spinnenbisses? Kein Grund, Trübsal zu blasen. Extremsituationen sind sozusagen sein Metier. Dass die nicht jedermanns Sache sind, erfuhr er spätestens, als er bei einigen Trips einen Kameramann mitnahm. Die meisten von ihnen machten schlapp. Maden essen, um sie einmal zu probieren, ist gut und schön, aber täglich davon leben zu müssen, ist eine ganz andere Sache. Wenig Essen führt dann zu Substanzverlust, schließlich zur Aufgabe des Körpers. Am Wochenende noch war er in Simbabwe. „Das Einzige, was ich gut kann, ist in die Wildnis zu gehen,“ schloss er seinen Vortrag.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel