Bürstadt

Kulturbeirat Kleinkünstler Tutti Tran begeistert und schockiert bei seinem Gastspiel in Bürstadt

Galgenhumor auf der Zunge

Bürstadt.„Bürstadt? Musste ich erstmal googeln – und hab’s selbst dann nicht gefunden.“ Gleich die erste Pointe von Thomas To Truong Tran sitzt im Bürgerhaus Bürstadt wie ein feister Nadelstich. Sein Programm, mit dem er an seinem Kulturbeirats-Abend mehr als 100 Gäste Corona-gerecht in Reih und Glied versammelt, trägt folgerichtig den Titel „Augen zu und durch!“. Eine Widmung, die sich als durchaus adäquat erweisen wird. Denn der Newcomer der Comedy-Szene nimmt nicht nur seine eigene Herkunft aus Vietnam zielsicher aufs Korn: Der 32-Jährige aus Berlin zielt bewusst auf alle(s) scheinbar Fremde(n) – und macht sich dadurch mit niemandem und allen gleichermaßen gemein.

Meister der Selbstironie

Der Anfang freilich gehört der Selbstironie – und in der erweist sich Tutty, wie sich der Kleinkünstler selbst konsequent nennt, als wahrer Meister der Spielarten. Da mag der Senkrechtstarter erst auf seiner ersten Solotournee unterwegs sein: Von der Taktik, nervigen Polizeikontrollen zu entgehen („Ik ni Deutch“) über asiatische Restaurant-Eskapaden („Mid Fleich oder Gemuse?“) bis hin zum erzürnten Vietnamesen süß-sauer bedient der Mann am Mikrofon nahezu sämtliche verfügbaren Selbstklischees bissig, mimisch brillant und mit auserlesenem Selbstvertrauen.

Selbst die alten Traumata zwischen „Schlitzauge“ und bösen Kindheitsbeleidigungen („Sching, schang, schong – Chinesen im Karton“) hat der Protagonist des Abends kraftvoll verarbeitet. Oftmals wirkt es, als sei es gerade diese Diskriminierung in jüngsten Tagen gewesen, die Tutty heute die Kraft gibt, sich quasi immun zu machen – und wuchtig gegen all seine Gegenspieler auszuteilen.

Teilweise reitet Thomas Tran dabei zwar haarscharf an offen rassistischen Herabsetzungen vorbei. Tatsächlich legt der junge Komiker damit aber genau jene Widersprüchlichkeiten offen, die in der Debatte um eine multikulturelle Gesellschaft der Vielfalt oft verloren gehen. Dabei erinnert Tran zielsicher an die Notwendigkeit von Humor, die einer angespannten bis überspannten Debatte um den Wert von Migration gut zu Gesicht stünde. Selbst dann, wenn sie in die Gefilde des Sarkasmus ausläuft und ab und zu auch mal wehtut.

Auch an Hintersinn lässt es der Gewinner des Silbernen Stuttgarter Besens dabei keineswegs mangeln. Bereits Comedians wie Bülent Ceylan und Özcan Cosar haben in ihren erfolgreichen Karrieren unter Beweis gestellt, dass sich mit sensibler Kultursatire ein eigener Kultstatus generieren lässt – wenn sie über den puren Slapstick hinausführt. Dieser Herausforderung, die zahllosen Humoristen schon zum Dilemma geworden ist, begegnet der Aufsteiger kongenial mit Augenzwinkern.

Die scheinbar nebensächliche Bemerkung zum „herrlich weltoffenen“ Bürstadter Publikum, das sich durch seine zotigen Lacher dann doch rasch als „wunderbar asozial“ erweist, trifft hier genau den Punkt.

Die spitzbübische Bemerkung über seine braunhäutige Arbeitskollegin im Fitnessstudio, die kakaotrinkend mal fix ein wenig Farbe auftankt, wird nicht zum Affront, sondern zu eben jener selbstverständlich frechen Umgangsweise, die an diesem Abend als Vorbild dient. Vom Afrikaner, der mit seiner Klick-sprache zum Exoten stilisiert wird, bis zum strammen Nazi bekommt so ausnahmslos jeder sein Fett weg. Schlussendlich formt diese Gemeinschaft der Geschassten unverhofft wieder Verbindendes.

Zumal Tran der Galgenhumor nie von der Zunge weicht. Die kurzen Anekdoten über den eigenen Vater, der aus Schwarzenegger in der gesprochenen Sprache kurzerhand „schwarze Neger“ macht oder mitten über den Marktplatz seine Bestellung von „frischem Fick“ schreit, bringen das Publikum folgerichtig fast zum Brüllen. Und so mag es schlussendlich sein, dass man mit geschlossenen Augen durch das Meer aus Vorurteilen waten muss, bis eine Gesellschaft souverän und offen selbstironisch miteinander ins Verhältnis treten kann. Doch allein die Tatsache, dass das an diesem Abend fabelhaft funktioniert, kann dafür ein strahlendes Vorbild dafür sein.

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