Bürstadt

Interview Kabarettist Lars Reichow spricht über den Bürstädter Courage-Orden und sein neues Programm „Lust“ / Auftritt am 14. März im Bürgerhaus

„Gegen die Herrschaft der Deppen“

Archivartikel

Bürstadt.Vor einem Jahr hat Lars Reichow den Courage-Orden des Heimat- und Carnevalvereins (HCV) Bürstadt bekommen. Eigentlich war er für die Laudatio seines Nachfolgers Bülent Ceylan vorgesehen, konnte den Termin aus zeitlichen Gründen jedoch nicht wahrnehmen. Am Donnerstag, 14. März, ist er nun auf Einladung des Kulturbeirats mit seinem Programm „Lust“ im Bürgerhaus zu Gast. Vorher nahm er sich Zeit für ein telefonisches Interview mit unserer Zeitung.

Herr Reichow, Sie kommen im März mit Ihrem neuen Programm ins Bürgerhaus. Haben Sie denn Lust auf Bürstadt?

Lars Reichwow: Klar. Es hat mir im vergangenen Jahr unheimlich gut gefallen, als ich den Courage-Orden bekommen habe. Sowohl die Verantwortlichen beim HCV als auch die Bürgermeisterin sind super nette Leute. Es war alles sehr menschlich und herzlich. Außer in meiner Rede konnte ich mich damals gar nicht bedanken und deshalb freue ich mich nun, mein ganzes Programm in Bürstadt vortragen zu dürfen.

Hätten Sie gern die Laudatio auf den neuen Ordensträger Bülent Ceylan gehalten?

Reichow: Das war zeitlich einfach nicht machbar. Dafür hätte ich im Prinzip zwei bis drei Jahre vorher den Termin wissen müssen, da die Wochenenden sehr verplant sind. Ich kenne Bülent Ceylan auch nicht sehr gut. Aber ich bewundere ihn; er ist ein großer Comedian und hat wirklich prachtvoll lange Haare.

Nachdem Sie vor Jahren bereits mit Ihrem Programm „Freiheit“ in Bürstadt waren, gastieren Sie nun mit dem neuen Programm „Lust“. Ist dieses Programm weniger politisch als sein Vorgänger?

Reichow: Den Begriff „Lust“ kann man unterschiedlich auslegen. Es gibt die gute Lust, die schöne Lust. Aber es gibt auch die Lust, dem Bauchgefühl freie Fahrt zu lassen mit der Einstellung: „Ich brauche keine Fakten. Auf Fachleute können wir verzichten. Wir wissen es ohnehin besser.“ Das ist im politischen Sinne hochgefährlich und auch überheblich.

Also schreiben Sie die politische Botschaft des Vorgängerprogramms fort?

Reichow: Ich hätte es auch „Freiheit II“ nennen können. Das Vordringen der Rechtsnationalen, der Brexit in Großbritannien und die Präsidentschaft von Trump in den USA beschäftigen mich auch in diesem Programm. Es geht darum, Haltung zu zeigen gegen die Herrschaft der Deppen.

Wie versuchen Sie das zu vermitteln?

Reichow: Ich bin ein Unterhalter. Ich spiele mit Worten, mit Musik und Parodie, ich möchte niemanden belehren. Manche Comedians machen alles für einen guten Witz, sie ordnen die Moral unter. Das ist nicht mein Weg. Warum geht man ins Kabarett? Weil man sich überraschen lassen will, weil man Spaß haben will und weil man sich seiner Meinung versichern will. Aber auch die, die in meinen Augen die „richtige“ Einstellung haben zu Demokratie, wie etwa einem freien Europa. Denn auch die brauchen Bestätigung. Denen will ich Mut machen, damit sie ihre Haltung bewahren.

Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Programme?

Reichow: Was die politischen Themen angeht, natürlich aus den Medien und persönlichen Gesprächen mit Politikern, soweit das möglich ist. Aber ich versuche vor allem, nicht unter einer künstlerischen Glocke nachzudenken, sondern mir ist es wichtig, bodenständig zu sein. Meine Familie, meine Frau und meine Kinder sind immer gut für neue Ideen. Ich brauche ganz normale Menschen um mich herum, die auch mal sagen: „Hör mal auf mit den Späßen und räum’ die Spülmaschine ein.“ Ich bekomme fast jeden Abend Applaus und komme aufgepumpt mit Adrenalin nach Hause. Zuhause ist das anders. Da muss ich morgens einfach nur die Müslidose aufmachen für die Kinder. Und das holt mich wieder auf die Erde zurück.

Was macht für Sie den Reiz einer Tournee aus?

Reichow: Ich bin viel unterwegs, sehe viele Städte und Landschaften. Oft komme ich am frühen Nachmittag an, manchmal wird es auch knapp, und ich kann nur noch den Auftritt vorbereiten. So ein Kurzbesuch in einer Stadt ist so, wie wenn man seine Großmutter besucht. Man tut alles, damit sie einen guten Eindruck hat und hilft, wo man kann. Man kann sich zusammenreißen, weil man weiß, dass dieser Besuch nur kurz ist. Wenn ich früher meine Oma besucht habe, dann hab’ ich sogar mit dem Rauchen aufgehört. Wenn ich wegfuhr, hab ich gewunken und gleich am nächsten Automaten neue geholt. Kurze Begegnungen haben ihren Reiz. Das ist, wie wenn man auf einer Party ist und früher geht. Vielleicht drehen dann auch ein paar Leute den Kopf um und denken: Schade.

Und wie haben Sie das Bürstädter Publikum kennengelernt?

Reichow: Die Leute hören gut zu, sie sind begeisterungsfähig. Soweit ich das in Erinnerung habe, gehört das Bürstädter Publikum zu den besten in ganz Deutschland!

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