Bürstadt

Lesung Autorin Nasrin Siege gastiert in der Bürstädter Erich Kästner-Schule

Geschichten, die aus dem Leben stammen

Archivartikel

Bürstadt.Asni ist gerade Mal 13 Jahre alt, als sie von ihrem Vater an einen reichen Chat-Farmer verkauft wird, der sie als Zweitfrau nehmen will. Sie möchte das nicht, würde lieber weiter zur Schule gehen, hat aber keine Chance. Sie muss mit Kassahun ins äthiopische Hochland, wo er lebt und die Droge anbaut.

So beginnt Nasrin Siege ihre Lesung in der Bürstädter Erich Kästner-Schule (EKS). Die Autorin hat selbst viele Jahre in Afrika verbracht, darunter bis 2016 acht Jahre in Äthiopien. Dort hat sie diese Geschichte in ähnlicher Weise von vielen Mädchen gehört, die dann wegliefen und auf der Straße lebten. „Ich schreibe lieber Geschichten, die aus dem Leben stammen und keine Fantasieromane. Und das spüren auch die Kinder bei meinen Lesungen“, meint sie. Die Schüler sind berührt von dem Schicksal der jungen Hauptfiguren aus ihren Büchern, die so alt sind, wie sie gerade, aber aus anderen Ländern und aus anderen Kulturen stammen.

Wie es ist, als Kind in ein neues Land zu kommen, das ganz anders ist als ihr Heimatland, hat die Autorin selbst erlebt. Als sie acht Jahre alt war, kam sie mit ihren Eltern 1959 aus dem damaligen Persien, heute Iran, nach Deutschland. In Hamburg und Flensburg ist sie aufgewachsen, hat Psychologie studiert und in diesem Bereich gearbeitet. Ihr Mann ist Entwicklungshelfer. Als ihre eigene Tochter 16 Monate alt war, gingen sie das erste Mal nach Afrika, nach Tansania. „Wer einmal den Afrika-Virus hat, kommt immer wieder“, lacht sie. Heute lebt sie in Frankfurt. Seit ihrem zweiten Aufenthalt 1994 engagiert sie sich in verschiedenen Projekten für Straßenkinder und gründete zwei Jahre später selbst den Verein „Hilfe für Afrika“, mit dem sie Kinderhilfsprojekte unterstützt.

Die Siebtklässler der EKS haben reichlich Gelegenheit, um immer wieder Fragen zu stellen. Es sind einige Kinder dabei, die bereits Erfahrungen im Ausland gemacht haben oder sogar aus einem anderen Land nach Deutschland gekommen sind. Sie fragen unter anderem, ob es in Afrika möglich ist, zu studieren, und wie lange Nasrin Siege an diesem Roman geschrieben hat. „In Afrika gibt es hervorragende Universitäten. Ich hab’ an diesem Buch drei Jahre geschrieben“, antwortet sie.

Es gibt Geschichten, die nehmen sie selbst sehr mit, berühren tiefer als andere und machen betroffen. Dieses Buch ist auf Amharisch übersetzt worden, eine der meistgesprochenen Sprachen in Äthiopien, und ist dort an Schulen verteilt worden.

Wie geht die Geschichte mit Asni weiter? Sie wohnt im Haus von Kassahuns Mutter und wird von ihr beaufsichtigt. Einmal auf dem Markt begegnen sie dem Chat-Farmer, der sie bedrängt. Da kommt ihr das Mädchen Konjit zu Hilfe und stößt ihn auf die Erde.

Die beiden Mädchen treffen sich später im Gottesdienst wieder und haben die Gelegenheit, ungestört miteinander zu sprechen. Asni erfährt, dass Konjit auf dem Weg in die Hauptstadt Addis Abeba ist und von da aus nach Saudi-Arabien will, um dort als Küchenhilfe zu arbeiten. Das macht ihr Mut für die eigene Flucht. Als Asni ihre erste Periode hat, weiß sie, dass der Zeitpunkt dafür gekommen ist, denn sonst könnte sie sich den Annäherungen des Farmers nicht länger widersetzen.

Sie flieht zu ihrem älteren Bruder, der ihr mit ihrer Mutter hilft, als Muslima verkleidet nach Addis Abeba zu flüchten. Dort lebt sie unter Straßenkindern. Als sie aber hört, dass Kassahun ihre jüngere Schwester als Zweitfrau nehmen will, weiß sie, dass sie zurückmuss. Mehr verrät die Autorin den Schülern nicht.

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