Bürstadt

Städtepartnerschaft Gabi und Gregor Winkler verschieben steirischen Abend auf den nächsten Advent / Zweistimmige Weihnachtslieder beim Spaziergehen

Harmonische Verbindung mit Musik

Archivartikel

Bürstadt.Der dicke Ordner – voll gepackt mit Liedern und Gedichten – liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. „Das ist unser Programm für den steirischen Abend“, erzählt Gabi Winkler – und zuckt mit einem kleinen Seufzer die Schultern. Eigentlich wollte sie mit ihrem Mann Gregor die Lieder vortragen, die ihr aus ihrer österreichischen Heimat so vertraut sind. Der Termin im Bürstädter Adventskalender war schon fest eingeplant. Im Jahr der Corona-Pandemie ist eben alles anders. Aber eins steht fest: Unterm Weihnachtsbaum wird auf jeden Fall gesungen.

Gregor und Gabi Winkler sind das erste und bislang einzige Ehepaar aus den beiden Partnerstädten Krieglach und Bürstadt. Und wahrscheinlich die beiden einzigen Spaziergänger weit und breit, die zweistimmig Weihnachtslieder singen, wenn sie mit ihrem acht Monate alten Enkelkind Rosa unterwegs sind. „Sie hört dann ganz aufmerksam zu und passt auf“, freut sich die begeisterte Oma.

Musik spielt im Leben der beiden Winklers eine wichtige Rolle. Und hat sie auch zusammengeführt. Das Paar hat an einem Ende des großen Esstischs im Wohnzimmer Platz genommen, der Besuch vom „Südhessen Morgen“ am anderen – in der Pandemie ist großzügiger Abstand angesagt. Gemütlich Plaudern geht zum Glück aber trotzdem.

Gregor Winkler hat ohne zögern parat, wann er Gabi das erste Mal gesehen hat: am 14. Juli 1979. „Ich war mit der Kirchenmusik in Krieglach“, berichtet er. Vier Tage lang wurde dort gefeiert, Bürstadt war als Partnerstadt eingeladen. „Die Musik war so toll, ich wollte unbedingt tanzen“, berichtet die gebürtige Österreicherin. Nur war niemand Geeignetes in Sicht – bis sie Gregor entdeckte. Blicke wurden gewechselt, dann getanzt. „Erst Disco-Fox. Aber auf so eine Musik tanzt man bei uns Polka-Schritt.“ Also übernahm sie die Führung. Und ihr neuer Partner ließ sich bereitwillig darauf ein. Zwei Jahre später wurde geheiratet.

Wertvolle Freundschaften

Damals hatte eine Städtepartnerschaft einen ganz anderen Stellenwert, berichtet Gregor Winkler. Acht Stunden war man von Bürstadt nach Krieglach unterwegs. Und ein Ausflug mit dem Verein fast wie eine Klassenfahrt, lustig, entspannt – und vor allem preisgünstig. „Keiner hat im Hotel geschlafen, wir waren immer privat untergebracht“, erinnert sich Winkler. „Daraus sind viele gute Freundschaften entstanden.“

Nächstes Jahr sind die beiden 40 Jahre verheiratet. „So lange bin ich schon hier“, sagt Gabi Winkler mit einem Strahlen. Von einem österreichischen Zungenschlag ist allerdings nichts zu spüren. „Wehe, wenn sie mit ihrer Schwester telefoniert“, lacht ihr Mann. „Sie ist eine echte Simultanübersetzerin.“

Das kam auch bei der Fastnacht gut an, für die sich die Krieglacher Bürstädterin – kaum angekommen – sofort begeisterte. „Ich habe einen Riesenspaß daran, in der Bütt zu stehen und zu tanzen.“ Im Chor Emotion fühlt sie sich schnell zu Hause, mit ihrem Mann ist sie als Gesangsduo auf vielen Hochzeiten und Familienfeiern unterwegs. Die Harmonie mit Gatte Gregor passt von Anfang an: Er stimmt seit 47 Jahren in der Kirchenmusik die Klarinette an, seit 30 Jahren spielt er in einer Swingband das Keyboard.

Sicher, auch Bürstadt hat eine schöne Musiktradition, und die Kirchenmusik engagiert sich in der Nachwuchsförderung und stellt kostenlos Leihinstrumente zur Verfügung, lobt Gregor Winkler. „Aber in Krieglach hat die Blasmusik einen ganz anderen Stellenwert.“ Dort gebe es tolle Musiker und eine „sehr, sehr gute Musikschule“. Mit dem Direktor sind die beiden gut befreundet. „Er ist ein echter Visionär und mit dem Orchester weltweit unterwegs.“ Eine Musikschule in Bürstadt, die fehlt den beiden noch. „Unsere beiden Söhne haben wir immer nach Lampertheim gefahren. Das war aufwendig und teuer“, erinnert sich Gabi Winkler. Inzwischen spielen die Jungs in ihren eigenen Bands. „Aber zum Glück haben sie noch ihren ursprünglichen Beruf“, sind die Eltern erleichtert. In der Pandemie sind Auftritte zurzeit eben nicht möglich. Genau wie das Gitarre Spielen in der Demenzstation von St. Elisabeth. „Für die älteren Menschen ist die Situation am schlimmsten, viele fühlen sich ganz allein“, ist sich Gabi Winkler sicher.

Nachbarn geben den Anstoß

Sie und ihr Mann wirken aber trotz aller Widrigkeiten gut gelaunt. Den steirischen Abend verschieben sie einfach auf den nächsten Advent. Die Nachbarn hatten den Anstoß zur Premiere im vergangenen Jahr gegeben. In großer Runde wurde zusammen organisiert, gekocht und gelacht. Gregor Winkler schrieb eigens die vierstimmigen Notensätze der Stücke für zwei Stimmen um. „Es kamen 150 Besucher“, staunt Gabi Winkler immer noch ein bisschen.

Ein wenig sehnsüchtig blättert sie im Ordner mit den Liedern. „Es wird scho glei dumpa“ – das mag sie besonders – ist gerade aufgeschlagen, festgehalten in schönstem Krieglacher Dialekt. Aber dafür ist am Heiligen Abend immer noch Zeit.

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