Bürstadt

Sozialstation Rauer Wind in der Pflegebranche weht auch in der Region / Cartitas-Helfer seit 40 Jahren bei Klienten vor Ort

Jubiläum trifft Fachkräftemangel

Archivartikel

Bürstadt.Mal ist es eine Spritze, mal ein Verbandswechsel, mal eine Infusion. Oder aber die Begleitung bis zum letzten Atemzug: Seit 40 Jahren fahren die Mitarbeiter der Sozialstation Bürstadt-Biblis-Groß-Rohrheim Jahr für Jahr zu ihren Klienten.

In all dieser Zeit und auf allen Fahrten immer mit an Bord: der karitative Gedanke, Empathie und vor allem Motivation. Versorgt werden aktuell rund 300 Menschen, manche mehrmals am Tag. Doch die Pflegebranche hat ein Problem. Das bekommt auch Sandra Braun, Dienststellenleiterin in Bürstadt, eindeutig zu spüren. Es kommt vor, dass sie Hilfesuchende abweisen oder an andere Einrichtungen verweisen muss, weil ihr das Personal fehlt.

Beruf mit viel Verantwortung

Dabei wird die Nachfrage nach Pflegedienstleistungen aufgrund der immer älter werdenden Gesellschaft stetig stärker. Die meisten Menschen, die Hilfe brauchen, sind über 80. Sogar Hundertjährige werden gepflegt. Pflegen heißt: Helfen für einige Monate – aber auch über Jahre hinweg. Das bedeutet für das Personal in der Praxis auch: Bei Wind und Wetter, bei Eis und Schnee oder auch bei über 30 Grad Touren fahren und jedes Mal eine individuelle Aufgabe wahrnehmen.

Der Pflegeberuf erfordert dabei viel Verantwortung. „Die Mitarbeiter sind Einzelkämpfer, die vor Ort Entscheidungen treffen müssen. Da ist keine Kollegin und kein Arzt, der schnell zur Hilfe gerufen werden kann. Nicht selten müssen die meist weiblichen Mitarbeiterinnen körperlich und auch psychisch viel wegstecken“, betont die Darmstädter Caritasdirektorin Stefanie Rhein.

Dienststellenleiterin Sandra Braun wünscht sich, dass Pflege gesellschaftlich mehr wertgeschätzt wird. So wie viele andere Berufe, in denen hart gearbeitet wird. Sozial und politisch müsse verankert werden, dass dieser Beruf Respekt verdient und deswegen klar sei: Pflege kostet Geld. Braun fordert außerdem, dass Anreize für die Ausbildung gesetzt werden und es weniger Bürokratie im Berufsalltag gibt. Die minutengenaue Leistungsfestlegung und Abrechnung bei steigender Zahl der Pflegebedürftigen beispielsweise stellen große Herausforderungen dar. Abweisungen aufgrund von fehlendem Personal führten zudem unter anderem zu sehr großem Unverständnis bei den Betroffenen. „Wir bedauern das sehr, aber wir haben auch eine Fürsorgepflicht unseren Mitarbeitern gegenüber“, so Rhein.

Auch sie hofft daher, dass neue politische Weichen gestellt werden, die den Beruf für viele wieder attraktiver werden lassen. „Zukunftssicher ist der Beruf auf alle Fälle und sinngebend alle mal.“ Schon lange zahle der Caritasverband Darmstadt nach Tarifen, die an den öffentlichen Dienst angelehnt sind, das sei jedoch nicht bei allen in der Branche der Fall.

Dringender Appell an die Politik

Auch die Bürstädter Dienststellenleiterin Sandra Braun will, dass die Politik nicht länger die Augen vor dem tatsächlichen Bedarf an Pflege- und Pflegefachkräften verschließt. „8000 neue Pflegestellen schaffen – aber wie, wenn keine Fachkräfte, da sind, die sie besetzten“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Nicht jeder kann sich im Alter einen Heimplatz leisten oder will dort hin“, fährt sie fort. Gebraucht werden daher weitergehende politische Anstrengungen für mehr Pflegekräfte in der Altenhilfe. Insbesondere Fachpfleger sind gesucht. Über 600 Beratungsgespräche hat die Caritas zudem angeboten. Denn der Beratungsbedarf von Klienten und Angehörigen ist hoch. Viele haben Fragen der Finanzierung von Leistungen oder wissen nicht, welches Hilfeangebot am besten geeignet ist. Insbesondere seit der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade ziehen sich die auf 20 Minuten angesetzten Gespräche oftmals auf über eineinhalb Stunden, berichtet Braun.

Auch die Frage nach Entlastungsangeboten für pflegende Angehörige spielt eine große Rolle. Die Sozialstation bietet an, dass die zu Pflegenden zum Seniorennachmittag oder Frühstück gebracht werden können. „Angehörige können dann etwas für sich tun. Denn die dauerhafte Pflege daheim, insbesondere von Demenzkranken, ist unglaublich anstrengend“, beschreibt Braun. Sie, die selbst Schüler ausbildet, freut sich über jeden, der sich mit viel „Einfühlungsvermögen und Motivation“ für den Beruf begeistert. Alles andere könne man lernen – auch den Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen. „Wir freuen uns über jeden, der diesen Beruf mit Freude ausüben möchte“, so Brand.

Am 28. September, 11 Uhr, lädt die Caritas Klienten, Angehörige und Weggefährten zur Jubiläumsfeier in die Rathausstraße 2 in Bürstadt ein.

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