Bürstadt

Umwelt Agrarmeteorologe vom Deutschen Wetterdienst referiert vor Landwirten – und leistet Überzeugungsarbeit

Kein Zweifel (mehr) am Klimawandel

Archivartikel

Bürstadt.Dieser Abend hat Helmut Steinmetz „tatsächlich was gebracht“. Nämlich Erkenntnis. Er habe „Klimawandel“ bisher eher als inflationär benutztes Modewort abgetan, weil es Wetterschwankungen doch schon immer gab. Aber der Vortrag des Klimaexperten beweise unumstößlich, „dass er da ist, der Klimawandel“, sagt der Landwirt mit dem großen Betrieb mitten in Lampertheim.

Steinmetz aus Lampertheim ist einer von mehr als 70 Bauern, die am Donnerstagabend der Einladung von Raiffeisenbank Ried und Wirtschaftsförderung Bergstraße in den Konferenzraum der Bankniederlassung in Bürstadt gefolgt sind. Dort referierte der Agrarmeteorologe Hans Helmut Schmitt vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach zum Thema Landwirtschaft und Klimawandel.

Und die zahlreichen Diagramme, Grafiken, Tabellen, die der Experte an die Leinwand warf, ließen tatsächlich keinen Zweifel zu, dass unser Klima sich langfristig verändert hat und es sich weiter verändern wird. Mit erheblichen Auswirkungen auf die Landwirtschaft.

Dass es dem Wissenschaftler Schmitt so gut gelang, die schwierige Materie begreifbar zu vermitteln, mag an seiner Herkunft liegen. Als Bauernsohn aus Rheinhessen spricht er nicht nur die Sprache seines Publikums, er kennt ihre Situation aus dem Effeff.

Bauern können sich anpassen

Hans Helmut Schmitt machte keinen Hehl daraus: „Die Erderwärmung dauerhaft auf 1,5 Grad zu begrenzen, wird nicht gelingen“, sagte er nach den ersten Statistikkurven zur Klimaentwicklung über Hunderte und Tausende von Jahren. Die Entscheider in Politik und Wirtschaft auf der Welt täten nicht annäherungsweise genug, um den Trend der Erwärmung zu stoppen.

Der Meteorologe, der sich speziell mit den Auswirkungen des Klimas auf die Landwirtschaft befasst, sagte ganz deutlich: „Ja, natürlich ist die Landwirtschaft Mitverursacher der Misere.“ Allerdings sei der Versuch, einzelne Schuldige heraus zu deuten, viel zu kurz gesprungen. Die Landwirtschaft sei ein Teil der weltweiten wirtschaftlichen Bestrebung, Wachstum und Profit zu erzielen. „Sie wollen selbstverständlich auch nicht mehr auf dem Eselskarren daherkommen. Sie wollen auch ihr Geld verdienen und gut leben können“, sagte Schmitt.

Aber Fakten seien nun mal Fakten. Und, unter Annahme der schlechtestmöglichen Entwicklung, könnte sich die Erde bis 2100 um bis zu vier Grad erwärmen. „Wir Meteorologen haben ein Problem. Wir können Ihnen nicht sagen, wie das Wetter nächstes oder übernächstes Jahr wird. Denn Schwankungen wird es immer geben. Aber wir können ihnen sagen, dass es langfristig wärmer und trockener wird“, so Schmitt.

Dabei könnten Landwirte die durch Wärme verlängerte Vegetationsperiode allerdings auch für sich nutzbar machen. Zum Beispiel mit anderen, entsprechend angepassten Pflanzen. Auch müssten die Bauern versuchen, die großen Regenmassen, die mittlerweile in viel zu kurzen Zeiträumen fielen, für die trockenen langen Sommer zu halten, empfahl Schmitt.

Und was macht er jetzt mit seiner Erkenntnis, der Bauer Helmut Steinmetz? Zumindest lässt er sich nicht von Untergangsszenarien einschüchtern. „Natürlich können wir uns anpassen und gegensteuern“, sagte Steinmetz im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich kann zum Beispiel meine Erdbeeren in Folienhäusern wachsen lassen. Das schützt die Früchte vor Starkregen, Hagel und Frost. Ich kann sparsame Tropfbewässerung einsetzen und überhaupt mit weniger Wasser effektiver arbeiten. Und: Ich kann mich besser gegen Ausfälle versichern.“

Nein, der Klimawandel mache ihm keine Zukunftsangst. Das schaffe schon eher die fortgesetzte Vernichtung landwirtschaftlicher Flächen durch politische und wirtschaftliche Entscheidungen auch hier vor Ort. Steinmetz: „Ich sage nur ICE, Rossmann und B 47.“

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