Bürstadt

Einschulung Stephanie Dekker und Julia Hause von der Erich Kästner-Schule über gebrochene Kinderseelen – und wie man sie vermeiden kann

„Lassen Sie Ihr Kind glücklich sein“

Bürstadt.Die beiden Frauen wissen, worüber sie sprechen. Sie sind seit 20 Jahren im Schulbetrieb. Stephanie Dekker ist Direktorin der Erich Kästner-Schule (EKS) in Bürstadt, Julia Hause leitet dort den Realschulzweig. In ihren Antworten dominieren Begriffe wie Kinderseele, Glück, Liebe, Vertrauen oder Gelassenheit. Wir sprechen mit Dekker und Hause aus Anlass der Erstklässler-Einschulung am Dienstag, 13. August. Ein Gespräch mit Lehrerinnen an einer weiterführenden Schule über den Start in der Grundschule?

Ja, die beiden Frauen haben viel Erfahrung mit Kindern von zu ehrgeizigen Eltern, die nach der Grundschule an die EKS kommen. Häufig sind es keine guten Erfahrungen. Vor allem für die Kinder nicht. „Ich habe schon viele gebrochene Kinderseelen erlebt“, sagt Stephanie Dekker. Ihre Kollegin nickt, fast ein wenig bedrückt. Wir sitzen im Zimmer der Direktorin, um die beiden erfahrenen Lehrerinnen zu fragen, was sie Eltern raten, deren Töchter und Söhne jetzt in die Schule kommen. Damit es nicht passiert, dass Kinderseelen brechen. Die Antwort verblüfft. Sie klingt so einfach: „Lassen Sie Ihr Kind glücklich sein“, sagt Julia Hause.

„Schlechte Note kein Beinbruch“

Natürlich wünschten Eltern sich von Herzen, dass ihr Kind glücklich ist. Allerdings nähmen sie ihm häufig den Freiraum dazu, ohne es eigentlich zu wissen: Nämlich dann, wenn sie sich lange vor dem Beginn der Schulzeit – mitunter ganz im Stillen – darauf festgelegt hätten, dass das Kind nach der Grundschule aufs Gymnasium geht. „Bitte legen Sie sich nicht fest“, rät Dekker den Eltern. „Es muss nicht jedes Kind Arzt werden.“

„Eine schlechte Note hier und da, das ist kein Beinbruch“, sagt Hause. Eltern aber, deren unbedingtes Ziel das Gymnasium ist, gerieten unter Druck, wenn der Nachwuchs mit schlechten Noten heimkommt, erklären die Lehrerinnen. Und diesen Druck würden sie natürlich an die Kinder weitergeben.

„Verzichten Sie auf Druck“, sagt Stephanie Dekker. Kinder wollten doch von sich aus lernen, seien so herrlich neugierig. „Und warum sagen viele dann nach so kurzer Zeit, dass Schule doof ist? Weil sie den Druck nicht ertragen.“ Dekker hat ein besseres Rezept: „Machen Sie Ihrem Kind Mut. Sprechen Sie täglich mit ihm. Nicht nur über die Schule, das Leben besteht nicht nur aus Schule. Schaffen Sie feste Tagesstrukturen, die sich mit dem Wesen Ihres Kindes vertragen. Richten Sie Lern-, Arbeits- und Freizeiten ein. Kontrollieren Sie nicht, beobachten Sie liebevoll. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind Erfolge erlebt.“ Und sie fasst zusammen: „Begleiten Sie Ihr Kind ohne Ziel, liebevoll und aufmerksam.“

Stichwort Erfolg: Damit wäre es in der Regel vorbei, wenn Eltern zu ehrgeizig seien und das Kind gegen die Empfehlung der Grundschule auf die Realschule oder das Gymnasium schickten, wissen die beiden Lehrerinnen. Es sei oft furchtbar schmerzlich für Kinder, die höhere Schulform wieder verlassen zu müssen.

Die Erich Kästner-Schule in Bürstadt ist Haupt- und Realschule sowie Gymnasium bis Klasse Zehn. Hier zu wechseln, sei etwas weniger schlimm, weil die Kinder in der gewohnten Umgebung bleiben könnten. Aber das schlechte Gefühl des Scheiterns bleibe, so Dekker und Hause.

Etwa 50 Prozent der Grundschüler würden heute am Gymnasium angemeldet, ob mit oder ohne Empfehlung, sagt Dekker. Sie erklärt das mit der Statusfrage, die die Schulform für viele Eltern bedeute, und mit dem generell zunehmenden Leistungsdruck. Dabei betreffe die Frage der Schulform doch nur eine Momentaufnahme im Leben eines Kindes, gibt Hause zu bedenken. An der EKS würden Schüler regelmäßig auf eine höhere Form wechseln, oder nach Haupt- beziehungsweise Realschule weitermachen. Direktorin Dekker: „Das sind dann Erfolgsgeschichten.“

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