Bürstadt

Vereine und Corona Palliativ- und Hospiz-Initiative im Ried sucht ehrenamtliche Helfer / Betreuung Schwerstkranker nur bedingt möglich

„Nähe und Zuwendung fehlen“

Archivartikel

Bürstadt.„Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen“ – diesen Spruch hat Gaby Weiß-Szpera vor Jahren bei der PaHoRi, der Palliativ- und Hospiz-Initiative im Ried, an die Wand gepinnt. „Er hing lange nur so da, um mich und unsere Ehrenamtlichen daran zu erinnern, dass wir im stetigen Wandel sind“, erzählt die leitende Koordinatorin des Vereins. „Darüber denke ich gerade viel nach. Denn was wir jetzt erleben – die Pandemie – ist viel mehr als ein normaler Wandel für uns, weil es unsere Hauptarbeit aus Nähe, Dasein, Zuwendung und Präsenz fast unmöglich macht. Das fehlt mir alles.“

Der Hospizverein, der in Bürstadt, Lampertheim, Biblis und Groß-Rohrheim Schwerstkranke bis zum Tod betreut sowie Trauerbegleitung für die Familien anbietet, habe zwar Wege gefunden, um aktiv bleiben zu können, „aber zuvor bin ich auch mal in ein Altenheim gefahren und habe vor Ort geschaut, was ich gleich regeln kann. Das geht nicht mehr.“ 40 Menschen betreut die PaHoRi derzeit. Zwei Kinder sind darunter, die Mehrzahl ist zwischen 50 und 88 Jahre alt.

Das Problem: Zwei Drittel der ehrenamtlichen Helfer sind derzeit nicht im Einsatz – entweder, weil sie zur Risikogruppe gehören oder weil sie beruflich freigestellt sind. „Dann können sie natürlich auch nicht beim Hospiz-Verein rumspringen.“ Jede Anfrage werde bedient, aber hauptsächlich von den drei Koordinatorinnen – neben Weiß-Szpera sind das Petra Bauer und Antje Egle. „Wir haben als Hauptamtliche aber ganz andere Aufgaben. Wir stehen mit Rat und Tat zur Seite und haben die Hintergründe, um die Leute zu beraten. Aber das Menschliche, das die Ehrenamtlichen bei den Besuchen einbringen, das fehlt.“

Die Aufgaben der 34 Ehrenamtlichen, die zwischen 35 und 82 Jahre alt sind, sind vielfältig. „Sie besuchen Schwerstkranke zuhause, im Altenheim oder Krankenhaus, hören ihnen zu, sprechen mit ihnen über das, was sie bewegt – manchmal sitzen sie auch nur am Bett und sind einfach da“, erklärt Weiß-Szpera. Zeit und Zuwendung sei das Wichtigste. „Das reine Beratungsangebot ist weitergelaufen. Aber in Haushalte zu gehen, auch mal eine Stunde dazubleiben, damit die Angehörigen entlastet sind, oder mit den Patienten spazieren zu gehen, das konnten wir nur wenig bieten.“

Es gehe auch nur ein Begleiter zu einer Person: „So bekommt der Patient die volle Aufmerksamkeit. Man kann als Ehrenamtlicher nicht fünf Menschen gleichzeitig betreuen.“ Allein deshalb, da die Aufgabe psychisch keine leichte ist. „Wenn der Patient stirbt, gehen unsere Mitarbeiter in eine Auszeit. Wir wollen nicht, dass sie das Erlebte von einem zum anderen mitnehmen.“ Manche bräuchten mehr, manche weniger Zeit – je nachdem wie schwer die Begleitung war. „Ein Vierteljahr ist aber die Regel“, erklärt die Koordinatorin. In Schulungen werden die Mitarbeiter auf die Situation vorbereitet, „alle zwei Monate gibt es zudem Gruppenabende, wo sich die Mitarbeiter austauschen und über das Erlebte sprechen können.“

Die Corona-Pandemie sei für den Verein eine riesige Herausforderung. Gerade am Anfang sei man in einer Art Schockstarre gewesen: „Ab dem 16. März ist alles erst einmal komplett weggefallen – von heute auf morgen. Das war wirklich heftig“, erinnert sich Weiß-Szpera.

Mimik bleibt sichtbar

Glücklich ist die 57-Jährige darüber, dass Besuche wieder möglich sind: „Wir haben ein Hygienekonzept erarbeitet und durchsichtige Mund-Nasen-Schutz-Masken angeschafft. So ist die Mimik sichtbar – diese spielt eine große Rolle.“ Die Trauergruppen, bei denen die Angehörigen Zuspruch und Hilfe finden, pausieren nun „Es sind nur vereinzelte, persönliche Gespräche mit Anmeldung möglich. Ab September werden wir dann Trauergruppen über die digitale Plattform Zoom anbieten.“

Ob der Hospiz-Verein auch finanzielle Einbußen durch die Corona-Krise hat, kann Weiß-Szpera noch nicht sagen: „Ich nehme an, dass die Spendenbereitschaft abnimmt. Normalerweise sind wir bei Festen präsent – da das nun fehlt, sieht man uns nicht mehr so.“

Einen Wunsch für die Zukunft hat Weiß-Szpera: „Dass sich viele zum Betreuer qualifizieren lassen. Wir brauchen händeringend neue Mitarbeiter.“ Es sei ein schwieriges Thema, das PaHoRi bediene „und ein schwieriges Thema in einer schwierigen Zeit, ist noch schwieriger.“

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