Bürstadt

Bildung Englischlehrerin der Bürstädter EKS regt E-Mail-Freundschaft mit Nordirland an / Schüler machen fleißig mit

„Schule ist doch nicht so blöd“

Archivartikel

Bürstadt.Belfast, Nordirland. Eltern und Großeltern werden mit der Stadt wahrscheinlich den Nordirlandkonflikt (1969 bis 1998) verbinden – jene blutigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen irischen Nationalisten und jenen, die sich vehement für den Verbleib der Provinz im Vereinigten Königreich einsetzten. Die Kinder der Klasse 6Rc der Erich Kästner-Schule (EKS) in Bürstadt haben seit vergangenem November ganz andere Assoziationen, wenn sie Belfast hören. Sie denken dann eher an den zwölfjährigen Ethan, der Hunde liebt. Oder an Beth, die schon richtig gut auf Deutsch schreiben kann.

Grund dafür ist eine E-Mail-Freundschaft, die von einer Englischlehrerin der EKS, Julia Roth, angestoßen wurde. Roth konnte im November 2019 einen vierwöchigen Auslandsaufenthalt an der Grosvenor Grammar School in Belfast verbringen – einer Schule, bei der der Schwerpunkt auf Sprachen liegt und so neben Deutsch auch Französisch, Spanisch und Chinesisch als Fremdsprachen angeboten werden.

Herzlich aufgenommen und betreut wurde sie dort von Fiona Dorman, Leiterin der Fachschaft Deutsch an der nordirischen Schule. Und gemeinsam mit ihr hat Roth die Idee zu einer E-Mail-Freundschaft in die Tat umgesetzt. „Meine 22 Schüler haben zuerst Grußkarten und Briefe an die 30 Deutsch lernenden Gleichaltrigen in Belfast gebastelt und geschrieben“, erzählt die Englischlehrerin. Einige Kinder hätten auch kleine Videobotschaften über ihren Schulalltag in Deutschland aufgenommen. „Ich habe dann nach meinem Auslandsaufenthalt die Antworten der Schüler aus Nordirland – in Form von kreativen Weihnachtskarten und einem witzigen Video – mitgebracht“, so Roth.

Dabei blieb es jedoch nicht. „Fiona Dorman hatte mich gebeten, ob ich ein Video aufnehmen kann, in dem ich Fragen ihrer Schüler beantworte zu den Lebensumständen während der Corona-Krise. Was vermisse ich? Wie sieht der Alltag aus? Oder was will ich machen, wenn alles wieder geöffnet ist?“ Roth hat ihre Antworten ganz langsam auf Deutsch formuliert, Dorman hat das gleiche dann auf Englisch nach Bürstadt geschickt.

„Im Mai wurden die ersten E-Mail-Adressen der Schüler ausgetauscht und so eine Art ,Brieffreundschaft’ angestoßen“, freut sich Roth. „Die ersten E-Mails waren ein bunter Sprachenmix aus Deutsch und Englisch. Es ging um die Hobbys der Schüler, um die Lebensweise im jeweiligen Land und auch um die Erfahrungen während des Corona-Lockdowns.“ Festgestellt hätten zum Beispiel die Schüler aus beiden Ländern, dass die Schule doch gar nicht so blöd ist: „Wenn man daheim bleiben muss, ist es doch schön, die Freunde wieder zu sehen. Beide Gruppen haben auch festgestellt, dass es schön sei, länger schlafen zu dürfen“, erzählt Roth.

Die Englischlehrerin hofft nun, dass der Austausch Bestand hat – auch wegen des Spracherwerbs. „Ich denke, wenn es ein freiwilliges Bedürfnis danach gibt, jemanden etwas zu sagen, merkt man sich die Wörter besser als wenn man sie einfach auswendig lernt.“ Mit Lust und Motivation blieben Dinge einfach länger hängen. „Ich merke das schon an den Begrüßungs- und Abschiedsformeln, die jetzt bei meinen Schülern besser sitzen, weil sie gerade öfter benutzt werden“, freut sich Roth.

Doch nicht nur die Sprache ist ihr wichtig: „Es ist eine tolle Chance, die Kultur Nordirlands und die Leute kennenzulernen.“ Ihr sei zum Beispiel nicht bewusst gewesen, welch große Rolle die Religion dort noch spielt. „Evangelische und katholische Kinder gehen normalerweise in getrennte Schulen. Die Schule in Belfast ist eher ungewöhnlich, da beide Konfessionen zusammen unterrichtet werden.“ Aufgefallen sei ihr ferner, wie überaus höflich der Kontakt untereinander ablaufe. Aber auch die Menschen dort hätten teilweise ein stereotypes Bild von Deutschland im Kopf – „regelorientiert und mit wenig Humor“. „Diese gegenseitigen Vorstellungen können durch den Kontakt verändert werden. Wir können voneinander lernen“, ist Roth überzeugt.

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