Bürstadt

Migration Experten beleuchten Flüchtlingsproblematik bei ihrem Vortrag in der katholischen Gemeinde St. Michael in Bürstadt

Sehnsucht nach Sicherheit in Europa

Bürstadt.Das Thema Migration ist aktuell allgegenwärtig. Flüchtlingsströme aus Krisenländern bahnen sich ihren Weg in Richtung scheinbar gelobter Länder und stellen diese vor die Aufgabe der Eingliederung. Die katholische Gemeinde St. Michael hat sich jetzt dieses Problems angenommen und die Referenten Prof. Dr. Gerhard Kruip und Anthony Ezekwu ins Gemeindezentrum eingeladen. „Sehnsucht nach Sicherheit und Wohlstand – Migration aus Afrika am Beispiel Nigeria. Was muss/kann man tun?“, lautete der Titel ihres Vortrags, der sowohl das Problem als auch mögliche Lösungsansätze beleuchtete.

„Migration vollständig verhindern zu können, ist illusorisch. Aber einfach laufen lassen kann man sie auch nicht“, führte Kruip in das Thema ein. Der Sozialethiker und Anthropologe lehrt an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Er brachte Zahlen mit, die die Dimension der Problematik veranschaulichten.

260 Millionen Menschen weltweit sind derzeit Migranten, darunter 36 Millionen Kinder. Die Fluchtfaktoren sind vielschichtig. Auf der einen Seite Nationen, deren Alltag von Krieg, Verfolgung, Hunger, Arbeits- und Perspektivlosigkeit geprägt sind, auf der anderen Seite die westlichen Länder, die mit Frieden, Sicherheit, Bildungschancen und Wohlstand locken. Relativ neu auf der Liste der Fluchtursachen sind die Umweltprobleme, die etwa 18,8 Millionen Menschen als Grund für ihr Fliehen angeben. Kruip betonte ebenso die ökonomische Bedeutung, die der Wegzug von Familienmitgliedern in wohlhabende Länder für die Daheimgebliebenen hat: „466 Milliarden Euro werden von im Ausland arbeitenden Flüchtlingen jährlich nach Afrika überwiesen. Das ist wesentlich mehr als die gesamte Entwicklungshilfe.“

Anthony Esekwu, ein aus Nigeria stammender Doktorand von Kruip, berichtete aus seinem Heimatland: 200 Millionen Einwohner, weit über die Hälfte davon Jugendliche. Was sich für Deutsche gut anhört, ist für die Nigerianer ein Problem. Zu viele junge Menschen, die meisten davon arbeitslos und ohne Aussichten auf Berufsbildung. Bildungs- und Gesundheitswesen funktionierten nur für die Betuchten. Korruption und Amtsmissbrauch seien allgegenwärtig, wie auch Kinderarbeit.

Dazu komme mit „Boko Haram“ eine islamistische Terroristenhorde, die den Norden des Landes unsicher mache – und die gängige Praxis, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen, da diese als Altersvorsorge angesehen würden. „Über 50 Prozent der Nigerianer ziehen eine Migration in Betracht, viele versuchen, über Marokko und Libyen nach Europa zu kommen“, sagte Esekwu. Da Flucht aber auf Dauer keine Lösung sein kann, brauche es praktikable Lösungsansätze.

Oft fehlt es an Geld

Was also tun bei so vielen Problemen? Ein interessantes Beispiel sind Bildungsangebote für Mädchen und Frauen. Ein weiterer Punkt ist die Verbesserung der Infrastruktur und somit der Handelswege. „40 Prozent der Nahrungsmittel gehen aufgrund der miserablen Straßenverhältnisse verloren“, informierte Kruip. Außerdem hätten die Hälfte der Nigerianer keinen Strom. Der Ausbau regenerativer Energien wie Wind und Solar, so Kruip, würde den Stromsektor dezentralisieren, die Versorgung sichern und CO2-neutral sein.

Ideen und mögliche Konzepte gebe es viele. Oft fehle es an Geld, oder es fließe in die falschen Kanäle. „Die Entwicklungshilfe ist nicht ausreichend und wird außerdem planlos verteilt“, sagte er. „In einigen Jahrzehnten wird Afrika doppelt so viele Einwohner haben wie jetzt“, sagte der Wissenschaftler. Eine höhere und fokussiertere Entwicklungshilfe sei auch für die Europäer lebenswichtig, da nur sie Migration verhindere.

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