Bürstadt

Fastnacht Narren erinnern sich mit viel Wehmut an die Kampagne vor einem Jahr / Immerhin einige Angebote im Internet

Tristesse statt Umzug in Bürstadt

Bürstadt.Wie eine bleischwere Decke liegt die Absage der Fastnacht über den Seelen der Narren. Statt kunterbuntem Kokolores in den Sälen und auf den Gassen, herrscht fast überall Tristesse in der sonst so farbenfrohen Zeit. „Wir leiden natürlich sehr, und die eine oder andere Träne ist auch schon geflossen“, gibt Jule Scheffler, Vorsitzende der Sackschdoahogger, zu. Um die Leidenszeit ein wenig erträglicher zu machen, hat sie ein Video zusammengeschnitten, das neben dem Flashmob „Jerusalema“ viele Bilder aus der letzten Kampagne zeigt. Statt des Umzugs konnten die Fans am Fastnachtssonntag um 14.11 Uhr diese Eindrücke erleben. Zur gleichen Zeit nutzte auch die Vereins-AG den städtischen Youtube-Kanal, um etwas Frohsinn in die Häuser zu bringen.

„Das schauen wir uns natürlich online an. Wir sind schon am Mittag durch Bürstadt spaziert und schwelgten in Erinnerungen. Beispielsweise wo wir um die Zeit vor einem Jahr standen und auf den Start des Umzugs warteten“, erzählt Sabine Heidrich Tremmel. Die Prinzessin klingt traurig. „Das ist ein ganz komisches Gefühl und ganz schlecht in Worte zu fassen.“ Mit ihrem Mann Michael überlege sie schon seit Tagen, was sie wann und wie erlebt habe während der Kampagne. Dass es keinen närrischen Lindwurm durch die Stadt gibt – „und das bei diesem traumhaften Wetter!“ –, tut ihr weh.

Trainerin vermisst ihre Perlen

Um das Kulturgut Fastnacht nicht völlig unter die Räder kommen zu lassen, haben auch der Heimat- und Carnevalverein (HCV), Bürstädter Fastnachtsclub (BFC) und die Katholische Kirchenmusik (KKM) den visuellen Weg mit Erfolg beschritten. In Facebook bewegten sich die „Tanzperlen“ des Spiel- und Kulturkreises (SKK) als Vampire und Meerjungfrauen über die spektakulär beleuchtete Bühne aus vergangenen Kampagnen. „Es ist furchtbar schlimm“, gesteht Ex-Prinzessin und Tanzperlen-Trainerin Teresa Ohl. Sie vermisst ihre Perlen. Auch wenn sie sich zu Trainingszeiten online treffen – und diese sogar zu ihrem Geburtstag ein Autocorso veranstaltet haben.

„Unser Thema für das nächste Jahr steht bereits, und auch unsere Kostüme sind schon fast fertig“, berichtet Teresa Ohl. Weil sie nicht beim Fastnachtsumzug mitlaufen konnte, traf sie sich mit ihrer total närrischen Familie zum Kaffeetrinken. „Es ist ja auch Valentinstag.“

Roger Wulff, Ehrenpräsident des HCV, fühlt sich sogar halb „kastriert“, erzählt er. Auch wenn er zugibt, dass der Ausfall der Narretei ein „Luxusproblem“ ist, vermisst er das Lachen, Schunkeln, Feiern und den unbändigen Spaß. Seine „Wunden“ leckt er mit kulinarischen Genüssen.

Das böse Wort mit „Sch...“ benutzt auch Bernd Deckenbach, Sitzungspräsident in Riedrode, um die Gesamtsituation prägnant zusammen zu fassen. Bei der FSG versuche man, visuell in Kontakt zu bleiben. „Aber das ersetzt nichts.“ Stattdessen haben sich die Riedroder entschlossen, am Blutspendetermin des DRK teilzunehmen. „Wir haben uns zum Blutspenden in der Erich Kästner-Schule angemeldet.“ Zudem hat der Verein vorausschauend bereits eine Restart-Gruppe gebildet. Sobald Zusammenkünfte wieder erlaubt sind, werde die FSG Vaddertag und Kerwe mit der Bevölkerung feiern, und zwar kräftig.

Sainäwwelskett als Botschafterin

Zu den weniger Gestressten dürfte Bürgermeisterin Bärbel Schader gehören. Durfte sie doch in diesem Jahr den Rathausschlüssel behalten. Doch der Donnerstag ohne Rathaussturm fühlte sich für sie schon seltsam an. „In eine andere Rolle zu schlüpfen, albern zu sein und zusammen lauthals zu lachen, das fehlt mir sehr“, erzählt sie. Gleichwohl hat sie zur Bürgermeister-Fastnacht im Internet die HCV-Sainäwwelskett (Thomas Haberer) und SKK-Präsident Michael Morweiser als scharfe närrische Botschafter entsandt.

Immer optimistisch schaut SKK-Präsident und Groove Generation-Frontmann Marcel Kilian in die Welt. „Ich vermisse gar nichts“, betont der Musiker. Die Familie und der Wille, durch die Krise zu kommen, hätten bei ihm oberste Priorität. Die Gesundheit und Hoffnung auf das Überstehen der Pandemie liegen ihm am Herzen. Wenn er Menschen denkt, die isoliert oder in finanzieller Notlage sind, etwa die vielen Selbstständigen und Kulturschaffenden, weiß er, dass er zu den Privilegierten gehört.

So sieht es auch Ex-Prinzessin Silke Renz. Auch wenn sie „wirklich leidet“ wie sie gesteht, ist sie sich mit „Stroaßekehrer“ Hans Ludwig einig: „Die Corona-Bestimmungen geben nicht mehr her.“ Stattdessen haben sie die Urfastnachter im Fernsehen bei „Mainz bleibt Mainz“ angeschaut und damit eine tiefe Brise Fastnachtsluft inhaliert.

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