Bürstadt

Kulturbeirat Comedian Sven Hieronymus gastiert im Bürstädter Bürgerhaus / Viel Ärger rund um die Familie

Verbal eher Säbel als Florett

Archivartikel

Bürstadt.„Als ob.“ Es gibt wenige Eltern, die sich nicht schon diesem Ausdruck der Jugendsprache gegenübersahen, der gleichzeitig Ablehnung und Verächtlichmachung deutlich machen soll. Der Comedian Sven Hieronymus hat daraus ein ganzes Bühnenprogramm gemacht, welches er auf Einladung des Kulturbeirats im Bürstädter Bürgerhaus vorstellte.

Dabei steht seine Familie fast durchweg im Fokus des Geschehens, in erster Linie die Tochter und der Sohn, mit denen ihn ein angespanntes Verhältnis verbindet. Er ist Sponsor und stets genervt von den Sprösslingen, die wiederum jegliches Anspruchsdenken der Erziehungsberechtigten ablehnen und daraus keinen Hehl machen. Die Lücke zwischen den Generationen scheint unüberwindlich und gipfelt darin, dass der 52-Jährige für seine Nachkömmlinge noch nicht einmal Namen benutzt.

Die Shisha rauchenden Kumpels des Sohnes sowie die unfähigen Hipster-Freunde der Tochter geben ihm den Rest. Und die einzigen Gefühle, die er für Jugendliche aufbringen kann, sind Abscheu und Unverständnis. Der „Rocker vom Hocker“, als der er sich selbst sieht, glänzt aber ebenso wenig mit einer besonders geglückten Vita. Dauerraucher und -kiffer, Schulrekordhalter im Sitzenbleiben und selbstverständlich Inhaber der denkbar schlechtesten Manieren kann er auf der Habenseite verbuchen. Der Apfel scheint nicht weit vom Stamm zu fallen. Als die Tochter auszieht, vermutet er Licht am Ende des Tunnels. Doch das erweist sich als Irrglaube, denn schließlich muss er alles bezahlen, und darf zum Dank dann noch Renovierung und Umzug erledigen, während sie mit ihren Freunden Selfies macht und auf Instagram postet.

Auch das weitere private Umfeld bietet keinen Anlass zu Freudensprüngen. „Bis zu ihrem 50. Geburtstag hat meine Frau geraucht, gesoffen und gekifft, danach wurde sie gerebootet“, kommt er mit den Wechseljahren der Gattin nicht klar. Die Transformation habe ihren Tiefpunkt in einem Geschenk gehabt, welches autonom denkende Wesen zu schritt- und kalorienzählenden Selbstoptimierern mache: einem Fitnessarmband. Zum Glück konnte der standfeste Mainzer widerstehen und das Teufelszeug auf einer Eisenbahnschiene unschädlich machen.

Er ist kein Mann des erhobenen Zeigefingers und verbal wohl eher Säbel als Florett, doch seine aus dem Alltag gegriffenen Geschichten haben hörbar großen Wiedererkennungswert. Das Leben erscheint als eine aberwitzige Aneinanderreihung von Desastern. Seine Überzeichnung des ganz normalen Wahnsinns, all dessen, was Alt und Jung voneinander trennt und miteinander verbindet, kommt bei seinen 200 Zuhörern gut an. Nach etwa zwei Stunden treten sie ihren Heimweg in dem guten Gefühl an, dass sie mit ihren familiären Herausforderungen nicht alleine stehen und quittieren dies mit einem langanhaltenden Beifall.

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