Bürstadt

Ortsbeirat Ingenieurbüro hat Starkregen im Sommer 2018 und Kanalnetz untersucht

Zur Not Spielplätze überfluten

BOBSTADT.Viele Bobstädter erinnern sich genau an die Schrecken des 11. Juni 2018, als der Himmel seine Schleusen öffnete und den Stadtteil flutete. In nicht einmal vier Stunden kamen mehr als 13 000 Kubikmeter Regen runter. Zu viel für die Kanalisation. „Bobstadt ist abgesoffen“, sagt Andreas Wetzstein (Bild). Der Fachmann hat den Wolkenbruch mit seinen Kollegen vom Ingenieurbüro Unger aus Darmstadt für die Stadtverwaltung analysiert, Berechnungen am Kanalnetz vorgenommen und Überflutungssimulationen erstellt. Die bisherigen Erkenntnisse stellte er im Ortsbeirat vielen interessierten Bürgern und Mitgliedern des Bürstädter Umwelt- und Stadtentwicklungsausschusses vor.

Konkrete Handlungsempfehlungen gab Wetzstein aber noch nicht. „Das war eine sehr unglückliche Verkettung“, erklärte Wetzstein. Man könne den Vorfall fast in zwei separate Ereignisse unterteilen. Laut statistischen Vergleichswerten des Deutschen Wetterdienstes würden diese zwei einstündigen Regenfälle einzeln betrachtet nur etwa alle fünf Jahre auftreten. In Kombination sogar nur alle 23 Jahre.

„Das Kanalnetz war schon nach dem ersten Regen komplett gefüllt. Die zweite Hälfte traf auf ein randvolles Kanalnetz“, erläuterte er. Die dadurch entstandenen Überflutungen hätten keine einzelnen Schwerpunkte gehabt, sondern die ganze Ortslage betroffen. Lediglich Anwohner in der Waldstraße hätten vergleichsweise weniger Schäden davon getragen. Das ergab zumindest die Auswertung der Feuerwehr- und THW-Einsätze, der Berechnungen sowie der Fragebögen, die die Stadt ausgeteilt hatte. Da sich das Büro aber noch in der Analysephase befindet – ein Gerät zur Niederschlags-Abfluss-Messung soll zeitnah aufgestellt werden – sei man weiterhin „für jeden Hinweis dankbar“. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Bärbel Schader appellierte Wetzstein, sich bei Nicht-Erhalt des Fragebogens ans Rathaus zu wenden. „Unsere Rechenmodelle sind nur so gut, wie es die Datengrundlage ist“, betonte der Ingenieur.

Bei der Untersuchung hat das Büro auch das Regenüberlaufbecken (RÜB) und den Grenzgraben unter die Lupe genommen. Kleinere Mängel wie ein Gegengefälle und Grünschnitt im Graben empfahl er zwar zu beseitigen, dessen Vorflutfunktion sei aber „von untergeordneter Bedeutung“. „Die eigentlichen Probleme liegen vorher im Netz“, sagte Wetzstein. Hydraulische Sanierungen seien insbesondere in der Nordstraße erforderlich, andere Bereiche würden überprüft. Laut Wetzstein könnte künftig eine dezentrale Regenwasserbehandlung – also die Regenwasser-Abkopplung vom zentralen Kanalisationssystem – in Neubaugebieten und sogar Entsiegelungsmaßnahmen nötig werden.

Dabei sehen die Ingenieure nicht nur die Stadt, sondern auch die „private Hand“ in der Pflicht. Das sahen auch die Politiker so. Überflutungsschutz sei künftig eine „kommunale Gemeinschaftsaufgabe“, so SPD-Fraktionschef Franz Siegl. Er regte an, sich Gedanken über die Entwässerung außerhalb des Stadtgebiets zu machen. Man könne es etwa in den „fast nie gefüllten See“ leiten. Zudem sollten Bürger informiert werden, welche Vorkehrungen sie an ihren Häusern treffen können. Das Expertenteam machte klar: „Ganz ausschließen kann man Überflutungen nicht. Das Kanalnetz kann nicht für die Ableitung solcher Extremereignisse dimensioniert werden.“ Starkregen könne es durch den Klimawandel häufiger geben.

Die Stadt könnte Freiflächen wie Spielplätze als Flutungsflächen einplanen. „Alle Berechnungen beruhen nämlich darauf, dass das Wasser ordentlich in den Kanal läuft“, so Wetzstein. Genau da sehen Bürger aber Probleme. Viele schilderten ihre Beobachtungen, dass Straßen am besagten Tag zunächst knietief unter Wasser standen. „Bis es plötzlich gluckerte, und tausende Liter auf einmal verschwanden“, berichtete ein Feuerwehrmann von einem „Pfropfen-Effekt“. Eine Erklärung hatte Wetzstein dafür nicht. Auch nicht, weshalb es beim Starkregen in diesem Jahr – mit ähnlichen Niederschlägen – kaum zu Schäden gekommen ist. ksm (Bild: kms)

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