Groß-Rohrheim

Interview Spitzenkandidatin Heike Kiefer-Bersch spricht über die Motive für die Gründung von „Leben in Groß-Rohrheim“

„Verkrustete Politik braucht dringend mal frischen Wind“

Archivartikel

Groß-Rohrheim.Heike Kiefer-Bersch ist einer von gut 30 Menschen in Groß-Rohrheim, die eine neue Politik wollen in ihrem Ort. Die 58-Jährige spricht mit uns über ihre Motive, als Spitzenkandidatin für die neue Wählervereinigung „Leben in Groß-Rohrheim“ (LiGR) anzutreten. Und darüber, was der Gatte dazu sagt – der amtierende Bürgermeister Rainer Besch.

Frau Kiefer-Bersch, Sie wollen mit LiGR bei der Kommunalwahl im März Sitze in der Gemeindevertretung gewinnen. Hängt der Haussegen schief deswegen?

Kiefer-Bersch (lacht): Oh, nein, wirklich nicht.

Also, Rainer Bersch ist einverstanden?

Kiefer-Bersch: Mein Mann kennt mich jetzt schon sehr, sehr lange. Und er kennt meinen Kopf: Wenn ich von einem Ziel überzeugt bin, will ich es auch erreichen. Und das gelingt mir in der Regel. Mein Engagement hat mit meinem Mann überhaupt nichts zu tun.

Welche Motive haben Sie und Ihre Mitstreiter?

Kiefer-Bersch: Die Idee kam zu uns, wir hatten das eigentlich nie wirklich vor.

Wie ging das vor sich?

Kiefer-Bersch: Es ist etwa drei Jahre her, dass Monika Weidenbach meinen Mann beim Einkaufen angesprochen hat, ich war dabei. Sie fragte ihn, wie sie sich in der Politik engagieren könnte. Mein Mann empfahl ihr, sich die Parteien vor Ort anzuschauen und bei der Wahl ihr Engagement anzubieten. Das hat der Dame nicht so behagt. Ich habe dann vorgeschlagen, doch zunächst einmal gemeinsam ein paar Sitzungen zu besuchen. Dann könne sie sich ein Bild von der Arbeit dort machen – und sich dann für eine Partei entscheiden.

Monika Weidenbach ist eine Freundin von Ihnen?

Kiefer-Bersch: Nein, wir kannten uns damals überhaupt nicht. Sie ist Immobilienmaklerin in Groß-Rohrheim und kannte meinen Mann.

Wie ging es weiter?

Kiefer-Bersch: Wir sind dann tatsächlich regelmäßig in alle Sitzungen gegangen, in die Ausschüsse und die Gemeindevertretersitzungen. Irgendwann habe ich sie gefragt, ob sie denn schon entscheiden könne, wo sie hin möchte.

Ich ahne es.

Kiefer-Bersch: Ja, sie sagte, sie wolle eigentlich bei keiner der drei Parteien mitmachen. Der Ton habe ihr nicht gefallen. Wir sind dann trotzdem weiter zu den Sitzungen gegangen. Wir waren ja einigermaßen vertraut mit den Themen, und es wurde immer interessanter. Wir hätten gerne mal was gesagt zu dem einen oder anderen Punkt. Aber das geht ja als Zuschauer nicht. Wir mussten still sein. Und man hat uns nicht gerne gesehen, weil wir immer da waren.

Wie haben Sie das festgestellt?

Kiefer-Bersch: Das war nicht nur unser Gefühl, man hat es uns auch zu verstehen gegeben.

Wie?

Kiefer-Bersch: Wenn wir mal geflüstert haben, wurden wir angeraunzt, wir wären hier zu laut. Wir haben uns natürlich gewehrt, aber wir wurden trotzdem belächelt.

Politiker sollten doch froh sein über regelmäßigen Besuch in ihren Sitzungen.

Kiefer-Bersch: Eigentlich ja. Wissen Sie, ich wäre, wenn zwei Frauen regelmäßig erscheinen und offenkundig interessiert sind, doch mal auf sie zugegangen. Ich hätte versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber da kam gar nichts.

Sie hatten das Gefühl, die Kreise der Alteingesessenen zu stören?

Kiefer-Bersch: Ja. Es gab auch Versuche, uns auszuschließen, da könne man doch besser reden. Das haben die laut gesagt.

Wie bitte?

Kiefer-Bersch: Ja, es wurde laut gefordert, die Öffentlichkeit mal auszuschließen, da könne man doch ganz anders reden. Wir sind trotzdem weiterhin gekommen. Nicht um uns für eine Partei zu entscheiden, sondern aus Interesse an den Themen.

Wie kam es dann zur Gründung von LiGR?

Kiefer-Bersch: Wir hatten oft das Gefühl, dass die Gremien gar keine Entscheidung treffen wollten, vieles hat man vor sich her geschoben. Im Februar habe ich Monika Weidenbach dann gefragt, ob wir uns das weiter antun sollen, oder ob wir nicht etwas Eigenes machen wollen. So ist es entstanden. Sie sagte, wenn ich mitmache, sei sie auch dabei.

Wie viele Mitstreiter haben Sie inzwischen?

Kiefer-Bersch: Wir haben nur einmal Werbung gemacht. Wegen der Pandemie konnten wir ja auch schlecht persönlich auf Menschen in Groß-Rohrheim zugehen. Da waren uns die Hände gebunden. Trotzdem haben auf Anhieb 30 Leute erklärt, bei uns mitzumachen.

Was für eine Art Werbung war das?

Kiefer-Bersch: Wir haben unser nahes Umfeld informiert, das ging dann von einem zum andern – und da waren auf einmal 30 Leute.

Sie waren jetzt unterwegs, um Unterstützer-Unterschriften zu sammeln. Wie viele brauchten Sie, um zugelassen zu werden?

Kiefer-Bersch: 38, man riet uns aber, etwa 45 Unterschriften zu bekommen, einfach zur Sicherheit.

Und wie ist es gelaufen?

Kiefer-Bersch (lacht): Wir sind fertig. Ich war von Montag bis Donnerstag unterwegs – und hatte über 40 Unterschriften.

Woran liegt dieser Zuspruch, was meinen Sie?

Kiefer-Bersch: Viele Leute sind sauer wegen der teils verkrusteten politschen Verhältnisse in Groß-Rohrheim. Und ich glaube, die Querschüsse bei der jüngsten Bürgermeisterwahl haben für viele das Fass zum Überlaufen gebracht.

Die Kandidaten waren Rainer Bersch, Ihr Mann, und Sascha Holdefehr. Dieser wurde unterstützt von den Freien Wählern und mitaufgestellt von der SPD – das ist eigentlich die Partei Ihres Mannes. Groß-Rohrheim ist ja ein charmantes Örtchen, aber die politschen Verhältnisse sind schon etwas kurios, oder?

Kiefer-Bersch: Ja, das sind sie. Und sie brauchen dringend mal frischen Wind. Wir hätten viele Dinge ganz anders gemacht.

Sagen Sie uns ein konkretes Beispiel?

Kiefer-Bersch: Zum Beispiel gibt es dieses freie Grundstück in der Kornstraße. Darauf sollte zunächst betreutes Wohnen entstehen. Das ging dann nicht, weil es zu klein ist, um einen Investor zu finden. Dann wurde einfach entschieden, es brachliegen zu lassen. Ich hätte mir dort kleine Wohneinheiten für junge Leute vorstellen können, oder für Ältere, deren Haushalt zu groß für sie geworden ist.

Streiten Sie zu Hause mit Ihrem Mann über solche Themen?

Kiefer-Bersch: Nein, ich sehe doch, wie das im Parlament läuft.

Was sind Ihre nächsten Ziele, wenn Sie in die Gemeindevertretung einziehen?

Kiefer-Bersch: Zum Beispiel, dass wir dieses Grundstück für die Groß-Rohrheimer freigeben. Ich finde es unsozial, einfach darauf sitzenzubleiben.

Gibt es außer der Kornstraße und einem besser politschen Stil weitere Themen?

Kiefer-Bersch: Das Homeoffice zeigt jetzt, dass unsere Internet-Leistung zu schwach ist. Wenn ein Zug fährt, fällt das Netz aus. Das muss besser werden. Außerdem möchten wir die Zusammenarbeit mit dem Jugendrat gerne verbessern. Die Jugendlichen sind die Profis in den Dingen, die sie gerne machen möchten. Da muss ich gezielt auf sie zugehen. Es reicht nicht, sie nur einzuladen. Dann kommt doch niemand. Grundsätzlich wollen wir mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, und zwar konstruktiv. Wenn es gute Argumente gibt, verschließen wir uns nicht, sondern machen mit.

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