Kommentar

Die Stille ist ausgewandert

Uwe Rauschelbach über ein Phänomen dieser Tage

 

In einer Lampertheimer Sonntagspredigt hieß es kürzlich: Menschen gönnten sich zu wenig Ruhe. Sie sollten öfter einmal die Stille aufsuchen und sich nicht von morgens bis abends mit Klängen und Geräuschen berieseln lassen. Das ist gut, dachte ich. Ich mag die Stille und brauche sie auch, um mich von der Aufgeregtheit des Alltags zu erholen. Nirgendwo kann ich besser neue Energien tanken als in der Stille. Obwohl ich sie über alles liebe, ist mir selbst Musik manchmal zu viel.

Das Problem ist bloß: Man findet die Stille heute nicht mehr. Sie ist ausgewandert. Geflüchtet vor unserem Lebensstil, der die Stille nicht mehr erträgt. Und der von der Überzeugung getragen zu sein scheint: Nur wer Krach macht, lebt. In diesem Sinne lebendig ist die Familie am Badesee, die den Rest der Besucher an ihrem Familienleben teilhaben lässt – einschließlich lautstarken Gesprächen, die die dröhnende Begleitmusik aus dem Radio übertönen müssen. Sehr lebendig sind auch die Teenies, die nicht mehr ohne tragbare Lautsprecher auf die Straße gehen. Es ist wirklich laut geworden; von hupenden Autofahrern ganz zu schweigen.

Wer sich, erschöpft und genervt vom Treiben seiner Artgenossen, mit einem Aufatmen im Lampertheimer Stadtpark niederlässt, muss Glück haben, dass der Nachbar auf der Parkbank nicht ins Handy plärrt und einem die Ruhe stiehlt, die man jetzt so dringend nötig hätte. Überhaupt werden im Freien Unterhaltungen in einer Lautstärke geführt, als wäre Diskretion endgültig aus dem Codex für öffentliches Verhalten gestrichen worden. Einen Platz zu finden, an dem man nichts und niemanden mehr hört, das wird immer schwieriger. Der gesellschaftliche Drang nach Dauerbeschallung wächst, und das Bedürfnis nach Geräusch- und Lärmaskese ebenso. Nur dass die Asketen wie immer in der Minderheit sind.

Bleibt also bloß, auf das Vergehen auch dieses Sommers zu warten und zu hoffen, dass damit wieder etwas Ruhe einkehrt in der Welt. Schade nur, dass es im Winter auf der Parkbank so kalt ist. Asketen müssen echt hart im Nehmen sein.

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