Kommentar

Ethische Ansprüche

Uwe Rauschelbach über die bevorstehende Stadtrats-Wahl

Auch nach der jüngsten Sitzung des Ausschusses, der die Wahl des Ersten Stadtrats durch die Stadtverordnetenversammlung vorzubereiten hat, läuft am 14. Dezember alles auf Marius Schmidt zu. Auf ihn hat sich die Mehrheitskoalition aus SPD und FDP verständigt. Dass sich unter den Mitbewerbern durchaus aussichtsreiche Kandidaten befänden, mag man als diplomatisches Aperçu einer auf Neutralität bedachten SPD-Stadtverordnetenvorsteherin ansehen. Zumal die anderen Fraktionen im Stadtparlament keinen eigenen Wahlvorschlag unterbreitet haben und dies dem Vernehmen nach auch nicht tun wollen.

CDU-Parteichef Franz Korb hat mit seinem Schlagwort vom „Versorgungsposten“ Erster Stadtrat unterdessen ein Bömbchen gezündet, das er den um Wählerstimmen ebenso kämpfenden Sozialdemokraten vor die Füße wirft. Viele Möglichkeiten, Wahlkampfrhetorik zu betreiben, werden sich in diesen Zeiten denn auch nicht bieten. Korbs Attacke dürfte jedoch – bis auf die damit einkalkulierte persönliche Verletzung des Nachfolgekandidaten Jens Klinglers – verpuffen. Dass sich Marius Schmidt zu keiner Zeit um den Posten gerissen hat, dass er diese Verpflichtung vielmehr als Last empfindet, hat der 29-Jährige stets glaubhaft gemacht. Gegen ein abgekartetes Spiel sprechen auch die Versuche, die es innerhalb der Fraktion unter dem Vorsitz Marius Schmidts gegeben haben soll, Jens Klingler zur Kandidatur zu drängen, nachdem die Grünen die nötigen Ja-Stimmen zugesagt hatten.

Doch der Amtsinhaber wollte nicht mehr. Schlicht und einfach. Bis heute möchte sich Jens Klingler nicht weiter dazu äußern. Die Gründe für seinen Rückzieher mögen weniger in der Aussicht auf einen wohldotierten Ruhestand zu suchen sein als in den Belastungen des Amtes, die auch für den meist locker auftretenden Hobbytänzer möglicherweise stärker wogen, als man das von außen wahrnehmen mochte. Dass Marius Schmidt seine hohen ethischen Ansprüche, die er mit seinem eigenen politischen Handeln verknüpft, nicht an der Garderobe zum Büro des Ersten Stadtrats abgeben wird, darf man erwarten. Das erwartet er nicht zuletzt von sich selbst.

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