Lampertheim

Sommertour Karsten Krug besucht Tafel / Diakonisches Werk braucht Nachwuchs im Ehrenamt

Arbeit im Stehen „erdet“ Beigeordneten

LAMPERTHEIM.Salat prüfen, putzen und leicht vergilbte Blätter herausschneiden gehört eigentlich nicht zu seinen Aufgaben. Im Rahmen seiner Sommertour wollte sich Kreisbeigeordneter Karsten Krug aber „einen Einblick in die reale Welt“ verschaffen. Deshalb tauschte der SPD-Politiker am Donnerstagmorgen den Bürostuhl in Heppenheim gegen Gummihandschuhe, Messer und einen Arbeitsplatz im Stehen bei der Lampertheimer Tafel.

Die Einrichtung in der Gewerbestraße ist mit Bürstadt und Rimbach eine von drei Ausgabestellen des Diakonischen Werks Bergstraße, daneben gibt es im Kreisgebiet noch eine eigenständige Tafel in Bensheim und die eines katholischen Trägers in Viernheim.

Nachdem Krug im vergangenen Sommer in Rimbach den Alltag der Fahrer beim Einsammeln erlebte, half er gestern bei der Verarbeitung der Lebensmittel. Rund zwei Stunden prüfte und schnippelte der Groß-Rohrheimer Obst und Gemüse mit den Ehrenamtlichen – und hatte danach großen Respekt vor deren Schaffenskraft.

Besonders der Kontakt zu den Helfern sei ihm wichtig gewesen. „Ich wollte wissen, warum sie helfen. Sehen, was Tag für Tag im Ehrenamt geleistet wird. Das erdet einen wirklich“, erklärte Krug seinen Besuch. Krug sei zwar „heilfroh und dankbar“ über das Engagement, als Sozialdemokrat stehe er der Existenz von Tafeln aber mit gemischten Gefühlen entgegen. Für Krug sind sie „ein Zeichen für die Schieflage unserer Gesellschaft“. Andererseits sieht er sie aber auch als ein positives Werkzeug gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. „80 bis 90 Prozent von dem, was ich heute in den Händen hatte, konnte ohne Weiteres verzehrt werden“, berichtete der Kreisbeigeordnete, „wenn schon zu viel produziert wird, sollte es wenigstens nicht weggeschmissen werden“.

Lebensmittelspenden hätten sie genug, bestätigte auch Irene Finger. „Wartelisten, wie sie in Großstädten vielleicht Realität sind, gibt es bei uns nicht“, sagte die Leiterin des Diakonischen Werks. Und auch übrigbleibe nur wenig. Und wenn doch, dann würden es die ansässigen Bauern abholen und als Futter verwenden. Der Kreislauf funktioniere, Sorgen bereite ihr eher der fehlende Nachwuchs in der Helferschar. 78 Ehrenamtliche braucht sie am Standort Lampertheim.

Allein gestern Morgen wuselten rund ein Dutzend Frauen durch Küche und Ausgaberaum, zur Ausgabe ab 14 Uhr brauche sie ebenso mindestens acht Helfer. Dazu kommen etliche Fahrer. „Noch sind wir genug, aber es fehlt an einer neuen, stützenden Generation. Auch Schüler oder angehende Studenten könnten sich engagieren und so Ehrenamtspunkte und Bescheinigungen erhalten, betonte Finger.

Der Kern der Truppe ist seit der Gründung vor zehn Jahren mit dabei“, erklärte Finger. Ursachen sieht sie im höheren Renteneintrittsalter und einer sich verändernden Ehrenamtsmentalität. „Als wir begonnen haben, waren fast alle Helfer Frührentner. Das können sich heute nicht mehr alle leisten“, sagte sie. Immer wieder müssten Ehrenamtliche aufhören, weil sie zusätzlich zur Rente einen Minijob annehmen.

Stemmen muss das Diakonische Werk die Tafelarbeit übrigens fast gänzlich ohne finanzielle Hilfe vom Kreis oder den Kommunen. Zwei Euro zahlen Erwachsene, deren Angehörige über 18 noch einen Euro für die Lebensmittel in der Tafel. Lediglich Befreiung von den Müllgebühren oder Mieterleichterungen gebe es, ansonsten trage man die Kosten von rund 150 000 Euro an drei Standorten jährlich durch Spenden. Das werde sich auch in naher Zukunft nicht ändern, meinte Karsten Krug.

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