Lampertheim

Gnadenhochzeit Hüttenfelder Ehepaar Ottmar und Irmgard Rhein gab sich vor 70 Jahren das Ja-Wort / Erfolgsgeheimnis: „Man darf nicht gleich aufgeben“

Auf dem Kerweumzug fing ihre Geschichte an

Archivartikel

Hüttenfeld.Vom Schornsteinfegerpaar zur Gnadenhochzeit, vom Kriegsgefangenen zum ältesten Hüttenfelder: Das Schicksal von Ottmar (95) und Irmgard Rhein (88) ist eine dieser unwahrscheinlichen Geschichten, die nur das Leben schreibt. Nun haben sie in Hüttenfeld ein ganz besonderes Jubiläum gefeiert. Vor 70 Jahren haben sie sich das Ja-Wort gegeben.

Die offiziellen Feierlichkeiten zur äußerst seltenen Gnadenhochzeit fielen zwar der Pandemie zum Opfer. Die Freude über ihren Jubeltag ließen sich die Rheins aber nicht nehmen – auch wenn Bürgermeister Gottfried Störmer und Landrat Christian Engelhardt ihre angekündigten Besuche absagen mussten. So feierte das Ehepaar genau so, wie es schon seit 70 Jahren miteinander lebt: mit der Familie. Ihre Kinder, Enkel und Urenkel stehen für Ottmar und Irmgard über allem.

Als Schornsteinfeger ein Paar

Angefangen hat ihre Geschichte auf der Hüttenfelder Kerwe. Damals hat es im Ort noch einen Umzug gegeben. „Wir sind als Schornsteinfegerpaar gegangen“, erinnert sich Ottmar. Sogar ein Foto hat er davon noch. Offensichtlich hat es den beiden Glück gebracht. Dabei war lange nicht absehbar, dass sie zueinander finden würden.

Ihre Jugend war geprägt vom Leid des Zweiten Weltkriegs. Kurz vor seinem 18. Geburtstag wurde Ottmar 1942 zur Wehrmacht eingezogen. Als Kradmelder entging er mehrfach nur knapp Granatangriffen. Ein Splitter wandert von den alten Verletzungen noch heute durch seinen Körper.

Beim Rückzug über das heutige Tschechien geriet er in sowjetische Gefangenschaft. Erst 1948 kehrte er heim – als erster Hüttenfelder gesund aus der Gefangenschaft. Für den Ort eine Attraktion. Dutzende Freunde holten den Heimkehrer am Bahnhof in Bensheim ab. Darunter ein 16-jähriges Mädchen auf „Männerschau“. Mit ihrer Cousine wollte Irmgard unbedingt den „Stoppes“ sehen, von dem alle sprachen.

1950 heirateten Ottmar und Irmgard Rhein. Auf die Hochzeitsglocken folgte „Vier-Monats-Kind“ Artur, 1953 kam Gerhard zur Welt. Als Nachzügler Horst 1960 dazu kam, baute die Familie in der Waldstraße ein neues Eigenheim, wo sie heute noch lebt.

Inzwischen haben die Rheins mehrere Enkel und Urenkel, mussten aber mit dem frühen Verlust der Söhne Artur und Horst schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Doch heute scheinen sie glücklich. In Zeiten, in denen mehr als die Hälfte aller Ehen geschieden wird, ist das keine Selbstverständlichkeit. „Man muss mal miteinander ‚schennen‘, und dann geht es weiter“, erklärt Irmgard ihr Erfolgsgeheimnis, „es gibt Höhen und Tiefen. Man darf nicht zu empfindlich sein und nicht gleich aufgeben“. ksm

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker überregional