Lampertheim

Litauisches Gymnasium Jugendliche pflegen Gräber von Litauern

Auf der Spur von Angst und Terror in Sibirien

Archivartikel

HÜTTENFELD.Jahr für Jahr begeben sich junge Litauer auf die Spuren ihrer Vorfahren. Im Rahmen der litauischen Projektgruppe „Mission Sibirien“ begeben sie sich auf eine mehrwöchige Expedition in die entferntesten Winkel Russlands. Für mindestens zwei Wochen wandern die Jugendlichen dabei zu Fuß durch die Einöden Sibiriens und kümmern sich um die vergessenen Gräber deportierter Litauer. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Andenken an verschleppte und getötete Litauer in der Sowjetunion zu pflegen. Zwei Teilnehmer haben am Mittwochmorgen im Litauischen Gymnasium von ihren Erlebnissen berichtet.

Kein Zuckerschlecken

Seit 2006 organisiert der Verband der litauischen Jugendorganisationen solche Reisen. Ein Zuckerschlecken oder gar ein Urlaub ist die Expedition in das „schlafende Land“ nicht, das machen Matas Toliusis und Lukas Paltanavicius von Anfang an klar. Kein Hotel, kein Strand und schon gar kein Zimmerservice. Dafür 20 bis 30 Kilogramm schwere Rucksäcke, mehrtägige Märsche durch Wald und einsame Natur. Schon beim Auswahlverfahren, bei dem 20 aus 1000 Freiwilligen ausgewählt werden, wandern die Jugendlichen über 50 Kilometer. Für Lukas ging es 2016 nach Igarka in die Region Krasnojarsk. Das ist ungefähr 5500 Kilometer von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt und 163 Kilometer nördlich des Polarkreises. Das bedeutet „Permafrost, mehrmonatige Dunkelheit und Temperaturen von bis zu minus 40 Grad im Winter“, erklärt Lukas. Gelohnt habe sich die Expedition aber dennoch.

Die Reise sei für ihn vor allem eine Reise zu sich selbst, der eigenen Identität und der seines Mutterlandes Litauen gewesen. In Sibirien suchten sie nach längst vergessenen Gräbern. Auf einem der größten litauischen Friedhöfe dort liegen etwa 600 Litauer begraben. Die Projektgruppe campierte mehrere Tage im Wald rund um den Friedhof, pflegte die Gräber und stellte neue bis zu sechs Meter hohe Holzkreuze auf.

Während des Zweiten Weltkriegs und der anschließenden sowjetischen Besatzungszeit wurden Hunderttausende in diese unwirtlichen Regionen deportiert und mussten unter unmenschlichen Bedingungen in den berüchtigten Gulags arbeiten. Viele kehrten nie zurück.

Zehn Prozent der Bevölkerung

„Jede dritte Familie war davon betroffen“, sagte Schulleiterin Janina Vaitkiene. Manche Historiker gehen davon aus, dass rund zehn Prozent der damaligen Bevölkerung verschleppt wurden. Ihr Schicksal ist bis heute ein wunder Punkt in der Beziehung zwischen Litauen und Russland. Die jungen Litauer Matas und Lukas hat die Reise jedenfalls nachhaltig beeinflusst. „Geschichte wird dort lebendig“, sagte Matas. Statt Zahlen erlebe man ganz persönliche Familienschicksale. ksm

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