Lampertheim

Schillercafé Karla Spagerer berichtet von der NS-Zeit und sieht gefährliche Tendenzen / Von außen einsehbar

Ausstellung als Mahnung

LAMPERTHEIM.Was hätten sie tun können? „Nichts“, „zu gefährlich“, lauteten die Antworten vieler, welche die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt haben. Und doch gab es jene, die sich gegen die brutalen Ungerechtigkeiten des Regimes zur Wehr setzten. Alfred Delp, Hans und Sophie Scholl, Georg Elser oder Hermann Stöhr – nicht wenige haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Die Ausstellung der Gedenkstätte „Deutscher Widerstand“, die noch in den ersten beiden Novemberwochen im Schillercafé zu sehen ist, zeigt eindrucksvoll die Geschichten unterschiedlichster Widerstandskämpfer.

Die Aktion des Bündnisses für Demokratie reiht sich in die Veranstaltungsserie „Erinnern und Gedenken – 80 Jahre Friedensverantwortung“ ein – und ruft Besuchern einmal mehr entgegen: Nie wieder! Die Ausstellung ist aber keine Anklage oder Schuldzuweisung an all jene, die damals nichts tun konnten. Vielmehr ist es eine Warnung und ein Aufruf an alle Bürger, die heute leben. Die es sich im Schoße der Demokratie allzu gemütlich gemacht haben. Die eine freiheitliche Grundordnung und ihre Vorzüge für selbstverständlich halten. Und die nicht bereit sind, für den Erhalt der Demokratie zu kämpfen.

Flugblätter im Keller gelagert

„Denn auch die Nazis haben klein angefangen“, mahnt Karla Spagerer. Als einer der letzten Zeitzeugen berichtete die heute 90-Jährige zur Ausstellungseröffnung gemeinsam mit Stadtarchivar Hubert Simon aus den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs. An die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten erinnert sich die Mannheimerin noch gut. Spagerer, Jahrgang 1929, hat die Grauen im eigenen, familiären Umfeld miterlebt. „Die Gestapo hat meine Großmutter Babette Ries verhaftet, weil sie Geld und Lebensmittel für Familien gesammelt hatte, deren Männer inhaftiert waren“, berichtet sie. 18 Monate habe sie im Gefängnis gesessen. Auch Hausdurchsuchungen habe es mehrere gegeben.

Erst nach dem Krieg hat das junge Mädchen erfahren, dass im eigenen Haus Flugblätter zwischengelagert wurden. Denn sie kommt aus einem politisch engagierten Elternhaus. Ihre Mutter war als Kommunistin Stadtverordnete in der Weimarer Republik und stand in enger Verbindung mit der Lechleiter-Gruppe. Damit ist Spagerer wohl eine der letzten Zeitzeugen, die Mitglieder der linksgerichteten Mannheimer Widerstandsgruppe aus der Gartenstadt um Georg Lechleiter persönlich kannte.

Gemeinsam mit den Kindern Lechleiters, der Vorsitzender der kommunistischen Fraktion im badischen Landtag war, habe sie immer gespielt. Mit Schrecken denkt Spagerer an die Reichspogromnacht 1938 zurück. Ihr Vater arbeitete in einem von zwei Schwestern geführten jüdischen Familienunternehmen. Oft habe er die Frauen damals gebeten, aus Deutschland wegzugehen. Ihre Antwort: „Wir sind doch Mannheimer“. Doch in der Nacht vom 9. auf den 10. November erinnerte sich daran kaum noch jemand.

Als Karla Spagerer, damals neun Jahre alt, und ihre Eltern am nächsten Morgen mit der Straßenbahn am Mannheimer Marktplatz ankamen, war es schon zu spät. „Überall waren SA-Leute, haben Möbel, Bilder und Kinderspielsachen auf die Straße geworfen. Wir haben gesehen, wie sie Leute abgeführt haben. Aber wir konnten nichts machen, die Schwestern waren fort“, erinnert sich die Zeitzeugin. Erst vor ein paar Monaten, 80 Jahre später, habe sie von deren Schicksal erfahren: Ermordet im Konzentrationslager Theresienstadt.

Spagerer erzählt das alles, um zu warnen. „Wenn ich zurückdenke, habe ich Angst, dass es wieder geschehen kann“, sagt sie. Heute wie damals würden Parolen und Unwahrheiten verbreitet. „An meinem Lebensabend muss ich erleben, dass wir Antisemitismus-Beauftragte brauchen, jüdische Männer sich nicht mehr trauen, Kippa zu tragen, und ein Politiker vor seinem Haus getötet wird. Ich frage mich: Wann läuten endlich die Alarmglocken?“, so die 90-Jährige.

Sie forderte die Besucher auf, sich kritisch mit Politik zu befassen. Ihre Geschichte zu erzählen – das ist ihr persönlicher Beitrag zum Erhalt der Demokratie. Denn dafür, weiß sie aus eigener Erfahrung, müsse man kämpfen.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional