Lampertheim

Mundart Bürstädter Gruppe formiert sich unter Frank Gumbel nach Vorbild der Lampertheimer / Dialektkurs in der Goetheschule

Babbler erleben emotionale Momente

Archivartikel

LAMPERTHEIM.In der Stadt wird immer mehr gebabbelt – die Mundartgruppe unter „Owwababbler“ Karl Heinz „Kalle“ Horstfeld entwickelt sich zu einer Erfolgsgeschichte. Im Staatlichen Schulamt ist der Lampertheimer Dialekt ohnehin schon ganz offiziell angekommen. Nach dem ersten „Heimatkundlichen Sprachkurs“ an der Schillerschule im zurückliegenden Schuljahr wird nach den Sommerferien auch an der Goetheschule ein solcher Kurs für Kinder angeboten.

Die vor neun Monaten gegründete Dialektgruppe hat auch in der Nachbarstadt Bürstadt einen Eindruck hinterlassen. Der Mitbegründer des dortigen Laientheaters, Frank Gumbel eifert den Lampertheimern nach und will nun die „Bäschdädder Babbler“ gründen.

Mundart scheint Bürstädter und Lampertheimer zu vereinen. Gastredner Gumbel aus der eigentlich „rivalisierenden“ Sonnenstadt trat beim monatlichen Treffen im Alten Rathaus bereits zum vierten Mal auf. Der Saal werde von Mal zu Mal voller, bemerkte der Bürstädter. Mehr Besucher passen kaum noch in das historische Gebäude. Zuletzt mussten Gäste sogar auf Tischen sitzen. Über zwei Stunden erzählten die 16 Redner dabei Anekdoten aus der Kindheit und der Schulzeit.

Erinnerungen an die Kriegszeit

Der Gründer Karl Heinz Horstfeld nannte es die „emotionalsten und bewegendsten Momente“ seiner bisherigen Babbler-Zeit. Neben lustigen Geschichten über die strengen Lehrer Diehlmann und Kuske, die viele Zuhörer wissend nicken ließen, oder über verwöhnte Schüler der Gegenwart gab es beispielsweise auch persönliche Berichte aus der Kriegszeit.

Maria Kern etwa hatte für die Mundartfreunde ihren 80 Jahre alten, hölzernen Griffelkasten (Stiftebox) und ihre Klickersche (Murmeln) mitgebracht. Als sie zu erzählen begann, wurde es im Saal still. Die Seniorin berichtete von ihrer Einschulung während der NS-Zeit und von einem schrecklichen Tag, der sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. „Es war wie so oft Bombenalarm“, erzählte sie gerührt, „als die Sirene ausging, wollte ich mit dem Zug heim“. Der Bahnhof allerdings sei komplett zerstört gewesen, das Dach verschwunden und die Gleise standen in die Höhe. „Also bin ich heimgelaufen.“ Bei ihrer Ankunft hätten sich die Familienmitglieder in die Arme genommen und geweint. Für die Kinder in der Gegenwart habe sie deshalb nur einen Wunsch: „Frieden. Wir haben jetzt 75 Jahre Frieden. Ich habe noch andere Zeiten miterlebt“.

Auch die Nachkriegszeit war für die Lampertheimer nicht einfach. „Viele hatten ja keinen Vater – gefallen oder verschollen. Die Mutter hatte kaum Zeit“, erzählte Helmut Hummel, der 1947 mit 56 anderen Kindern eingeschult wurde. Die zwei wichtigsten Utensilien am Ranzen: eine Vorrichtung für einen Schwamm und das „Regedippsche“.

Sein Original aus einer amerikanischen Pfirsichdose hatte Hummel sogar dabei. Mit Schulfreund Rolf habe er so manches Abenteuer erlebt – inklusive freiwilligem Flötenunterricht und Lehrerprügel. Die einzige warme Mahlzeit, etwa Schokoladen- oder Bohnensuppe, sei der Höhepunkt des Tages gewesen. Ins Reich der Legenden ging es mit Kurt Muntermann, der die „Sage vom Billesand“ seines angeblich reichen Fährmann-Vorfahren zum Besten gab.

Besonders lustig und aktuell wurde es bei Sebastian „Baschdl“ Strubel. Als ehemaliger Goetheschul-Kerweborscht hatte er seine Original-Rede aus der vierten Klasse mitgebracht, die ihm die Mutter 1992 geschrieben hatte. Zur Verwunderung hätte die Rede auch aus dem Jahr 2019 stammen können. So beschwerte sich der Viertklässler schon damals über zu schmale oder fehlende Radwege und zunehmende Müllberge. „Es is ä Schann!“, schloss er seine Rede und wunderte sich selbst: „Vieles geändert hat sich ja scheinbar nicht.“

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