Lampertheim

Landwirtschaft Willi Billau rechnet langfristig mit Veränderungen beim Gemüseanbau als Reaktion auf Wetterextreme

Bald Soja statt Spargel?

Archivartikel

Lampertheim.Der Sommer 2018 wird als Rekordsommer in die Geschichte eingehen. Hitzerekorde, Tropennächte, unzählige Sonnenstunden und unglaublich wenig Regen – das war der Sommer 2018, unter dem viele Menschen gestöhnt haben. Vor allem die Landwirtschaft hatte bundesweit mit den Folgen der Hitze und der Trockenheit zu kämpfen. In Lampertheim hielten sich die Schäden noch in Grenzen, doch auch hier haben die Bauern in diesem Jahr Verluste erlitten. So zum Beispiel im Frühjahr, als aufgrund der frühen sehr warmen Temperaturen viel zu viele Erdbeeren auf den Markt kamen und die Preise in den Keller gingen.

Wenn der Klimawandel in Zukunft öfter zu solchen extremen Wetterverhältnissen führt, dann werde sich das auch auf die Kulturen auswirken, die im Ried angebaut werden. Willi Billau, Lampertheimer Landwirt und Vorsitzender des Regionalbauernverbands Starkenburg (kleines Bild), ist überzeugt, dass der Anbau der Sonderkulturen Spargel und Erdbeeren zurückgehen wird.

„Die Erntemengen werden bei so einer Hitze zu groß. Dafür haben wir dann nicht genügend Arbeitskräfte, und die Preise sind zu niedrig“, beschreibt Billau das Missverhältnis. Einfach weniger anzubauen, führe außerdem nicht dazu, dass weniger Obst und Gemüse auf den Markt kommen und die Preise wieder steigen. Vielmehr würden dann Konkurrenten – auch aus dem Ausland – die entstehenden Lücken füllen.

Einzelhandel diktiert die Preise

Die oft zu niedrigen Preise seien ein generelles Problem, so Billau. Der Lebensmittel-Einzelhandel habe eine enorme Macht und könne die Preise quasi diktieren. Gleichzeitig seien aber viele Kollegen darauf angewiesen, die Konzerne direkt zu beliefern. Nur noch wenig werde im Zeitalter des Internets über die Erzeugergroßmärkte abgesetzt. Für die Konzerne sei der einzelne Landwirt aber nur ein Lieferant unter vielen. „Ob wir noch was verdienen, ist denen egal.“ Auch wenn viele Betriebe inzwischen auf Direktvermarktung setzen, helfe das wenig. „Nur vier Prozent der deutschen Produktion wird direkt vermarktet“, weiß Billau.

Um Auswege aus dieser Situation zu finden, die sich in Jahren mit Extremwetterlagen entsprechend verschärft, machten sich alle Kollegen Gedanken, wie sie darauf reagieren können. „Doch natürlich lässt sich da nichts schnell verändern“, sagt Billau und macht deutlich, dass er auch nicht auf die frischen Kulturen vor Ort verzichten möchte.

Diese seien aber in solchen Sommern problematisch, weil sie viel Wasser benötigen. In diesem Jahr haben die Lampertheimer Landwirte nach Billaus Angaben schon 2,4 Millionen Kubikmeter für die Beregnung verbraucht. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 1,6 Millionen. Bei einem Preis von 35 Cent pro Liter mache das in diesem Jahr 1600 Euro Wasserkosten pro Hektar. „Normalerweise kalkulieren wir mit 600 Euro im Jahr“, nennt Billau Vergleichswerte.

Aufgrund der leichten Sandböden im Ried sei es gar nicht so einfach, alternative Anbaumöglichkeiten zu finden. Getreide beispielsweise gedeihe hier nicht so gut und bringe kaum Geld, was bei der begrenzten Fläche, die in der Region zur Verfügung stehe, ein entscheidender Faktor sei. Vorteile der Region wie das milde Klima, aufgrund dessen die Landwirte hier in der Vergangenheit in der Regel vier Wochen eher mit der Ernte beginnen konnten als Kollegen in anderen Gebieten, seien längst nicht mehr ausschlaggebend. In anderen Regionen arbeiteten viele Kollegen inzwischen mit Folien und Gewächshäusern und könnten so auch schon früher den Markt beliefern.

Betriebe besser absichern

Eine Frucht, die sich gut für einen Anbau im Ried eignen könnte, ist nach Billaus Einschätzung die Sojabohne. „Die ist relativ trockenheitsresistent und bringt auch bei Hitze und Dürre noch gute Erträge.“ Soja wird vor allem als Futtermittel für Schweine und Rinder verwendet. Neben der Umstellung auf andere Kulturen würde Billau auch begrüßen, wenn mehr trockenheitsresistente Sorten gezüchtet würden. Außerdem hält er eine Mehrgefahrenversicherung für landwirtschaftliche Betriebe für sinnvoll, wie es sie in vielen anderen Ländern gebe. Die zu zahlenden Prämien würden dort von den Staaten mitfinanziert – als eine Form der Subvention sozusagen.

Dass Kollegen im Ried durch die Trockenheit in diesem Jahr Ertragsausfälle von mehr als 30 Prozent hatten und dafür Entschädigungen, wie sie der Bund zugesagt hat, in Anspruch nehmen könnten, glaubt Billau nicht. Davon könnten im Bereich des Regionalbauernverbands Starkenburg allenfalls Viehbauern betroffen sein, die viel Futter zukaufen mussten, so seine Einschätzung. Obst- und Gemüsebauern wie er hätten nicht so dramatische Einbußen gehabt. Für die Zukunft wünscht sich Billau ein Jahr mit „normalem Wetter“ – auch wenn das vielleicht vom Ernteertrag her betrachtet nicht so erfolgreich wäre. Aber es wäre weniger stressig und weniger teuer.

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