Lampertheim

Reichspogromnacht Öffentliche Gedenkstunde wegen Corona abgesagt / Kranzniederlegung und Schweigeminute im kleinsten Kreis

Bürgermeister-Rede im Internet: „Erinnerung in Alltag platzieren“

Archivartikel

Lampertheim.Das alljährliche Gedenken – die Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 – könne und solle wegen der Corona-Pandemie nicht einfach „ausfallen“. Dies erklärte Bürgermeister Gottfried Störmer am Montagvormittag am ehemaligen Standort der jüdischen Synagoge, wo die Stadt Lampertheim und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Lampertheim-Bürstadt wie an jedem 9. November Kränze niedergelegt hatten. Allerdings wurde an den Jahrestag des Grauens diesmal ohne Öffentlichkeit erinnert. Eine Rede des Bürgermeisters ist stattdessen als Video auf der städtischen Homepage zu sehen.

Nur eine Handvoll Lokaljournalisten war dabei, als Störmer, Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass, Erster Stadtrat Jens Klingler und Norbert Fuchs als Vertreter des DGB vor der Gedenktafel an der Rückseite des Parkhauses in der Wilhelmstraße weiße Rosen niederlegten und eine Schweigeminute hielten. Zumindest ein Bild, ein sichtbares Zeichen des Gedenkens, nach außen abzugeben, sei ihm wichtig, betonte Störmer – da die aktuelle Infektionslage und die Verantwortung, die sich daraus ergebe, momentan eben keine größere Veranstaltung erlaubten. Die – kleine – Zusammenkunft dauerte denn auch nur wenige Minuten.

Jeder soll Multiplikator sein

„Dieses Jahr müssen wir Corona weichen. Doch weichen wir nicht ab von der Erinnerung an diesen Tag“, erklärt Störmer zu Beginn seiner Online-Rede. Und erinnert dann ganz konkret: „Auch in Lampertheim sind Menschen aus ihren Wohnungen geholt, geschlagen, deportiert, wie Vieh verfrachtet und in Konzentrationslagern getötet worden.“ Störmer wünscht sich eine Erinnerungskultur, die nicht ausschließlich rückwärts gewandt sein soll. „Wir brauchen Symbole und Plätze, die verkörpern, an was wir uns erinnern wollen. Sie sollten sich aber den Bedürfnissen der Menschen anpassen. Unser Erinnern sollte deshalb nicht nur die Vergangenheit aufleben lassen, sondern den Bogen zum Hier und Jetzt schlagen und uns bewusstmachen, wo wir heute stehen.“

Damit „das Erinnern heutigen Zwecken dient“, müsse man miteinander sprechen, vortragen, lehren, lernen, es leben, mit eindrücklichen Veranstaltungen daran erinnern und „es in unseren Alltag platzieren“. Jeder solle Multiplikator der Botschaft sein: „Nie wieder Krieg, nie wieder Nationalsozialismus, nie wieder menschenverachtende Politik, nie wieder…“, sagt Störmer im Video. DGB-Ortsverbandsvorsitzender Norbert Fuchs äußerte sich angesichts der Pandemie verständnisvoll für die Entscheidung gegen ein öffentliches Gedenken: „Eine andere Weise wäre wünschenswert gewesen, aber wie so vieles muss man eben auch dieses auf nächstes Jahr verschieben.“ Sowohl Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass als auch Rolf Hecher, Leiter des Fachbereichs Bildung, Kultur und Ehrenamt, unterstrichen gegenüber den Journalisten, dass sich die Stadt anlässlich des 9. Novembers „trotzdem Gedanken und viel Mühe“ gemacht habe, indem sie die Idee der Videoansprache entwickelt und umgesetzt habe. In der Vergangenheit war die Lampertheimer Gedenkstunde zum Jahrestag der Reichspogromnacht stets mit deutlich mehr als 100 Teilnehmern begangen worden. Traditionell gestalten Schüler einen Teil des Programms, zu dem üblicherweise auch musikalische Beiträge gehören.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten Synagogen in ganz Deutschland. Der Pogrom gilt als Auftakt für die systematische Vernichtung jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten. Am 10. November 1938 wurden auch in Lampertheim die Synagoge sowie die jüdischen Geschäfte zerstört. Lampertheimer Juden wurden an diesem Tag in Sammeltransporten ab Worms ins Konzentrationslager (KZ) Buchenwald gebracht. Nur wenige Lampertheimer Juden entgingen bis Kriegsende der Ermordung durch die Nazis.

Info: Rede des Bürgermeisters als Video unter www.lampertheim.de

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