Lampertheim

Senioren Workshop-Teilnehmer präsentieren mehrere Sketche in der „Alten Schule“ / Komplettes Theaterstück ist das Ziel

Darsteller mit viel Herzblut beim Spiel

Archivartikel

Lampertheim.„Mhmm, Männer, Männer, Männer!“, ruft Melitta Härtel begierig durch die Cafeteria der Seniorenbegegnungsstätte Alte Schule, wo die Seniorentheatergruppe an diesem Nachmittag mehrere Sketche aufführt. Im schwarz-weißen Kleid, mit silberner Perlenkette und großem Hut spielt sie eine lüsterne Rentnerin. Suchend lässt sie ihren Blick schweifen. Ihr Beuteschema: „Männer, Männer, Männer!“ Doch im imaginären Zugabteil schnarcht neben ihr und Freundin Anneliese nur ein älterer Herr lautstark am Fenster – auch wenn „der ganz schnuckelig ist“. So bleibt den Zweien nur, sich über alte Männergeschichten zu amüsieren. „Polen und Indianer“, das seien nach neuesten Umfragen ihres Klatschblatts die besten Liebhaber. Kein Wunder also, dass der vermeintlich Schlafende wie von der Tarantel gestochen aufspringt und sich als Winnetou Kowalski vorstellt. „Denn auch Senioren haben Bedürfnisse“, ruft das Trio unter Verbeugungen in den voll besetzten Saal, in dem sich die Zuschauer bestens amüsieren.

Im zweiten Sketch des Tages geht es um eine Dame, die einen Reifenhändler viel zu wörtlich nimmt und ihn damit zur Verzweiflung bringt. „Ich brauche Reifen für mein Auto“, lässt sie ihn wissen. Den Reifenhändler mit Schrauber-Batschkappe und Blaumann mimt Herbert F. Tiefel. Er fragt nach dem Modell. „Gelb.“ Und der Fahrzeugschein? „Nicht dabei.“ Reifen aufziehen lassen möchte sich die Kundin für ihren „gelben Rentnerferrari“ sowieso nicht, denn ihr Auto laufe schon mit Motor. Statt des Auswuchtens gegen die Vibration nimmt sie lieber „ein Auto mit Vibrator“.

Seit Januar übt rund ein Dutzend Senioren einmal wöchentlich unter der Leitung von Heiner Kraft im Theater-Workshop. Der ausgebildete Regisseur hat langjährige Erfahrung in der Amateurschauspielszene, gründete unter anderem 1989 die Hofheimer Theatergruppe und deren Nachfolger „Krautstorze“. Seit 2010 ist er Vorstandsmitglied im Landesverband Hessischer Amateurbühnen und erhielt für sein Engagement sowohl die Goldene Ehrennadel des Bundes Deutscher Amateurtheater sowie den Ehrenbrief des Landes Hessen.

Mit seiner Idee traf er einen Nerv beim Seniorenbeirat. „Es macht total Spaß“, sagt Beiratsmitglied Albert Breckner. „Menschen lernen, sich wieder an Dinge zu erinnern, zu sprechen und sich selbst darzustellen“. Fähigkeiten, die von Senioren sonst kaum noch gefordert würden. Im Theaterspiel können sie ihre eigenen Ideen und Erinnerungen einbringen. So entstehen auch improvisierte Reaktionen, in denen sich das Publikum wiederfindet. In einer Szene verlangt eine notorisch penible Beamtin beispielsweise eine Litanei an Daten, obwohl die nervös trippelnde Besucherin eigentlich nur den Schlüssel für die Toilette braucht. „Könnte ich ein Lied von singen“, sagt eine Zuschauerin.

Die Amateurschauspieler möchten künftig auch auf Tournee gehen – mit einem kompletten Theaterstück. Vom Verband Hessischer Amateurschauspieler ist ein Teil der Seniorengruppe außerdem zu einem einwöchigen Workshop mit einem Regisseur eingeladen worden. Ihre Ergebnisse werden sie beim anschließenden Seniorentheaterfestival in Wetzlar in zwei Sketche vorführen.

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