Lampertheim

Gesellschaft Überparteiliches Lampertheimer Bündnis tritt für Grundwerte wie Toleranz ein

Demokratie als Lebenshaltung

Archivartikel

LAMPERTHEIM.„Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern eine Lebenshaltung“, sagte der frühere hessische Ministerpräsident Georg August Zinn einst. Eine Lebenshaltung, die heute aber nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint. Während populistische und nationalistische Kräfte an Zulauf gewinnen, schwinden gleichzeitig die Wahlbeteiligung und die politische Beteiligung als solches. Immer weniger Menschen fühlen sich von den politischen Parteien repräsentiert. Weil sie auch in Lampertheim demokratische Grundwerte in Gefahr sehen, haben Parteien, Gewerkschaften, Glaubensgemeinschaften und Einzelpersonen ein Bündnis für Demokratie gegründet. Mit einer Diskussionsveranstaltung im Schiller-Café hat sich das Bündnis nun erstmals vorgestellt.

„Wir erleben ein europaweites Wanken demokratischer Grundwerte, eine Verrohung des öffentlichen Diskurses. Tabus werden salonfähig, der Meinungsaustausch zunehmend schärfer“, erklärte Altbürgermeister Erich Maier den Hintergrund des Bündnisses, „diese demokratiefeindlichen Tendenzen wollen wir nicht schweigend hinnehmen“.

Das von Georg August Zinn geprägte Zitat hat sich das Bündnis deshalb zum Selbstverständnis gemacht. Mit dem überparteilichen Bündnis wolle man in der Spargelstadt ein Zeichen für Demokratie und Toleranz und gegen Diskriminierung setzen. Demokratische Grundwerte, die im Grundgesetz als Basis unserer Gesellschaft verankert seien, müssten immer neu errungen werden, so Maier.

Dabei richtet das Bündnis seinen Blick zunächst auf die Europawahl am Sonntag, 26. Mai. Eine erste Aktion ist deshalb eine Plakatkampagne mit dem Slogan „Wählen gehen, Europa machen“. Damit wollen die Verantwortlichen gerade bei Unentschlossenen und Nicht-Wählern für den Urnengang und die Wahl einer demokratischen, pro-europäischen Partei werben. In Gesprächen sollen Bürger von der Bedeutung der Wahl überzeugt werden. „Wir müssen uns wieder vor Augen führen, dass Frieden und Freiheit nicht immer selbstverständlich waren und sind“, betonte Bürgermeister Gottfried Störmer. Die EU sieht er als Garant dafür. Als Schirmherr hat er das Projekt gemeinsam mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Marius Schmidt maßgeblich mitinitiiert.

Asiatisches Jahrhundert

Rund zweieinhalb Wochen vor der Wahl bleibt den Verantwortlichen nicht mehr viel Zeit. Vor dem Hintergrund der erstarkenden nationalistischen Kräfte in ganz Europa sieht Wolfgang Freudenberger die Gründung aber zum richtigen Zeitpunkt. Der Vorsitzende der Europa Union Bergstraße zeichnete in seinem Vortrag die Entwicklung Europas seit dem Zweiten Weltkrieg nach und prognostizierte ein „asiatisches Jahrhundert“. „Wollen wir geopolitisch im Spiel bleiben, muss Europa im freien Welthandel geschlossen auftreten“, sagte er. Die EU und die Demokratie werde nicht nur von demokratiefeindlichen Kräften von innen bedroht, sondern stehe inzwischen auch wirtschaftlich im Wettbewerb mit autokratischen Systemen wie China. „Die Demokratie“, fasste er zusammen, „befindet sich in seiner schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“. Dabei sei Nicht-Wählen der größte Feind der Demokratie. Dass nicht alles selbstverständlich sei und man sich für seine Ideen engagieren müsse, spürten etwa die jungen Briten.

Die Arbeit des Bündnisses soll weit über die Europawahlen hinaus gehen. Bürgermeister Störmer plädierte für Präsenz an Markttagen. „Wir müssen Demokratie wieder erklären“, so der Verwaltungschef. Die Konfrontation in sozialen Netzwerken will er vor der Europawahl nicht wagen, hält sie langfristig notwendig. „Wollen wir junge Menschen ansprechen, kommen wir daran nicht vorbei“, meinte Stadtrat Gottlieb Ohl. Er hält auch Großveranstaltungen wie den Tanz der Bässe für Gelegenheiten, um Menschen anzusprechen.

Robert Lenhardt plädierte in der Diskussionsrunde dafür, demokratische Prozesse stärker in den Schulunterricht einfließen zu lassen. „Jeder einzelne Bürger ist gefragt“, erkannte eine Besucherin.

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