Lampertheim

Stadtgeschichte Als vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg offiziell endete, war Lampertheim schon längst von amerikanischen Truppen eingenommen

Der Frieden kam mit wuchtigen Panzern

Archivartikel

Lampertheim.Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg. Für die Lampertheimer war er de facto jedoch schon ein paar Wochen früher vorbei gewesen, nämlich als amerikanische Truppen am 26. März in die Gemeinde einrückten.

Zwischen 18. und 24. März hatten die Männer des Volkssturms noch Panzersperren errichten müssen. Kaum waren diese fertig aufgebaut, begann der weibliche Teil der Bevölkerung, die Barrieren wieder zu entfernen, damit Lampertheim sich kampflos ergeben könne, ohne weitere Opfer zu fordern. Doch dann kam der Befehl der Wehrmacht, dass die Sperren durch den Volkssturm wieder zu errichten waren und diesmal bewacht werden mussten, um eine weitere Demontage zu verhindern. Durch diese sinnlose Aktion und den geleisteten Widerstand wurde der Ort prompt mehrere Tage lang Artilleriebeschuss ausgesetzt, wodurch zahlreiche Gebäude zerstört oder beschädigt wurden, darunter auch das Marienkrankenhaus. Die Bevölkerung hatte in Kellern und Bunkern Zuflucht gesucht, während die Bomben und Granaten das Dorf erschütterten. Deutsche Batterien erwiderten den Beschuss, dauernd wurde Alarm wegen der Tiefflieger ausgelöst. Am Ende dieser letzten Kampfhandlungen gab es noch einmal Todesopfer, zwölf Zivilisten und 15 Soldaten, zu beklagen.

Die Wehrmacht hatte zwar am 20. März noch die Rheinbrücken gesprengt. Das hinderte die amerikanischen Truppen aber nicht daran, in der Nacht zum 26. März mit Pontons über den Fluss zu setzen. Am frühen Morgen des 26. März, einem Montag, bewegten sich die Panzer auf Lampertheim zu. Werner Grünewald, der damals mit seiner Familie in der Bürstädter Straße lebte, beschreibt dieses Ereignis auch in seinem Buch „Kindheitserinnerungen – Lampertheim 1941 bis 1952“.

Weiße Laken geschwenkt

„Wir schauten übers Feld in nördliche Richtung. Dort tauchten auf einmal, von links hinter der Hausecke hervorkommend, in etwa 300 Metern Entfernung, dunkle, unförmige, große Kästen auf. Einer hinter dem anderen, im Abstand von vielleicht vierzig, fünfzig Metern zueinander. Sechs oder acht Ungetüme – die ersten Panzer, die ich in meinem Leben sah!“ Auch andere Anwohner verfolgten besorgt das Geschehen. Viele hatten weiße Bettlaken in die Fenster gehängt oder schwenkten, wie Grünewalds Mutter, die Tücher hin und her.

Die damals 14-jährige Wilma Bock hat den Einmarsch der Amerikaner als eher unspektakulär erlebt. Schon seit Wochen sei klar gewesen, dass dieser Tag kommen werde. Ihre Familie hielt sich zu diesem Zeitpunkt bei Verwandten in der Friedrichstraße auf. Diese hatten, gemeinsam mit den Nachbarn aus der Bismarckstraße, dicke Betonröhren der Firma Nagel in den aneinandergrenzenden Gärten vergraben, als eine Art Bunkerersatz. Dort verbrachten sie die meiste Zeit, wagten sich dann aber, als klar war, dass die Amerikaner anrückten, doch nach oben. Wilma Bock ist vor allem die vorbeifahrende Wagenkolonne noch in Erinnerung. „Die Amerikaner hatten auch ein paar gefangene Soldaten und befreite Zwangsarbeiter mit dabei”, berichtet sie. Es sei alles sehr ruhig verlaufen.

Die unangenehme Überraschung kam, als die Familie zurück in ihr Haus wollte und feststellen musste, dass dieses von der amerikanischen Armee requiriert worden war und sie erst einmal bei Verwandten unterkommen mussten. Nach einigen Tagen durften sie jedoch zurück, das Gebäude war bis auf Kleinigkeiten unbeschädigt. Ein paar Dinge waren verschwunden, wie ein kristallener Aschenbecher und ihr Poesiealbum, mit den Eintragungen der Freundinnen. „Dessen Verlust hat mir merkwürdigerweise besonders zugesetzt“, sagt sie rückblickend.

Adelheid Renner war bei Kriegsende zehn Jahre alt. Sie wohnt bis heute in ihrem Elternhaus in der Jakobstraße. An viele Situationen aus der damaligen Zeit hat sie zwar bruchstückhafte, aber dennoch deutliche Erinnerungen. Etwa wie der Vater in den letzten Kriegstagen während der Verdunklung leise den Volksempfänger laufen ließ, um die neuesten Nachrichten zu hören. Und wie aus Richtung Worms die amerikanischen Panzer anrollten, dann über das damals noch unbebaute Gelände, wo heute die Goetheschule steht, in die Jakobstraße, einbogen.

Allgegenwärtiger Hunger

Die amerikanischen Soldaten gingen in alle Häuser, durchwühlten die Schränke, wohl auf der Suche nach Waffen und Munition. Viele Angehörige der US-Armee nahmen danach in Häusern in der Bürstädter Straße Quartier. Merkwürdigerweise habe dort quasi Tag und Nacht das Licht gebrannt. Adelheid Renner erinnert sich aber auch an den allgegenwärtigen Hunger. „Dabei“, so sagt sie, „hatte unsere Familie noch Glück. Wir besaßen Bauland, auf dem wir Gemüse angepflanzt hatten, daher ging es uns besser, als vielen anderen Lampertheimern.“ Schrecklich sei der Anblick der Toten gewesen, die sie sah, als sie ein paar Tage später ihre Großmutter in der Wormser Straße besuchte.

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