Lampertheim

Mittelstandsvereinigung Ehemaliger Kanzleramtschef und Bundesinnenminister Rudolf Seiters schildert Erinnerungen an die Wiedervereinigung

Der schicksalhafte Blick in den dunklen Garten

Archivartikel

ROSENGARTEN.Er war die rechte Hand Helmut Kohls und verhandelte mit der DDR-Führung über die Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge. Rudolf Seiters erlebte als Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Kanzleramts die politischen Prozesse der Wiedervereinigung hautnah mit. Als Verhandlungspartner des SED-Politbüros war er ein Mitgestalter der Deutschen Einheit. Bei einem Besuch der Bergsträßer Mittelstandsvereinigung (MIT), einer CDU-Unterorganisation, erinnert sich der 82-Jährige an seine Erlebnisse aus dieser Zeit.

Es ist nicht der 9. November, der für den langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten und Kohl’schen Wegbegleiter in besonders emotionaler Erinnerung bleibt. Anders als für das kollektive Gedächtnis markiert für den späteren Innenminister und Bundestagsvizepräsidenten nicht der Schicksalstag der Deutschen den Anfang vom Ende für die DDR. Für Rudolf Seiters ist es der Blick in den nachtdunklen, verschlammten Garten der westdeutschen Botschaft in Prag, der sich für immer ins Gedächtnis gebrannt hat. Fast 5000 Menschen harren dort auf der Flucht vor dem DDR-Regime tage- oder wochenlang unter unsäglichen hygienischen Bedingungen aus. Sie alle warten auf den Halbsatz: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ – Der Rest ging im Jubel unter und ist Geschichte.

In Prag bröckelt die Mauer

Neben Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der die Worte sprach, stand dort oben auf dem Balkon des Lobkowitz-Palais ebenjener Rudolf Seiters. Er hatte den Deal mit der DDR federführend ausgehandelt. „In Prag“, sagt der damalige Kanzleramtschef heute, „ist der erste Stein aus der Mauer gebrochen“. Der Blick in die Gesichter der Flüchtlinge – für ihn einer der emotionalsten Momente seines Lebens. Das zeigt: Der ehemalige Politiker und spätere Vorsitzende des Roten Kreuzes zog und zieht es vor, seine Fäden im Hintergrund zu ziehen. Und ist sich nicht zu schade, der Einladung der Mittelstandsvereinigung aus dem rund 500 Kilometer entfernten Papenburg nach Rosengarten zu folgen. „Er sagt nicht viel, er macht“, sagen Weggefährten über Seiters. Beim Martinsgansessen des Kreisverbandes fand er aber auch die richtigen Worte. Für seinen lebhaften wie kurzweiligen Abriss durch die deutsche Geschichte erhält er stehende Ovationen.

Angefangen hatte für Seiters alles im Garten. Beim Rasenmähen bot ihm Helmut Kohl am Telefon den Ministerposten an. Ex-Landrat und MIT-Vorsitzender Matthias Wilkes überliefert die Unterhaltung so: „Seiters, was machen sie gerade?“. „Herr Bundeskanzler, ich mähe Rasen.“ Des Kanzlers Antwort: „Das ist eine verdienstvolle Aufgabe, aber wir haben auch verdienstvolle Aufgaben in Bonn.“

„Er fragte noch, ob ich einen schwarzen Anzug habe“, fügt Seiters hinzu. Launig berichtet er von Telefonaten des Kanzlers mit Gorbatschow und von „seinem“ 9. November. Niemand habe mit der Maueröffnung gerechnet. Als der Pressesprecher mit den Worten „Die Mauer fällt“ in eine Sitzung reinplatzt, halten ihn alle für betrunken. Seinen Stellvertreter hatte Seiters mit den Worten „Heute passiert sowieso nichts mehr“ nach Hause geschickt.

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