Lampertheim

Musiker-Initiative Lampertheimer Künstler klagen über die Auswirkungen des zweiten Lockdowns seit Anfang November

„Die Spenden haben mich gerettet“

Lampertheim.Was waren das noch für glückliche Tage – damals, vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Da konnte auf der Bühne im Schwanensaal gesungen, musiziert und gefeiert werden. Es traten Berufsmusiker neben Hobbymusikern der Lampertheimer Szene auf. Nun schweigen Instrumente und Stimmen. Wieder ist es still in Lampertheim geworden. Nach einem kurzen Zwischenspiel wurden die geplanten Konzerte der Musiker-Initiative Lampertheim (MIL) bis Ende des Jahres abgesetzt.

Besonders die Berufsmusiker sind vom Lockdown betroffen. „Uns wird die Existenzgrundlage entzogen“, klagt Helmut Wehe. Seine berufliche Karriere, die er 1980 semiprofessionell begann und 1993 hauptberuflich ausbaute, ist auf Eis gelegt. Mit der Corona-Pandemie zogen für den leidenschaftlichen Entertainer, Sänger und Gitarristen dunkle Wolken auf. Die goldenen Zeiten mit Tourneen im Ausland sind erst einmal vorbei.

Neue Pläne

Wehe muss dieses Jahr über 100 Veranstaltungsausfälle verschmerzen. Damit habe er richtig viel Geld verloren und lebe momentan aus der Spardose. Sein hochwertiges Musik-Equipment verliere schleichend an Wert. Wehe vermutet, dass er mit seiner „Sandy Showband“ nicht so bald wieder auftreten darf.

„Ich weiß nicht, wie es musikalisch weitergehen soll. Ich möchte meinen Beruf weiterhin ausführen und damit Geld verdienen“, hofft der Lampertheimer. Darum entwickelt er neue Pläne. Er denkt dabei an solistische Auftritte, wenn er beispielsweise in verschiedene Rollen schlüpft und Sängerpersönlichkeiten in Bühnenshows verkörpert, wie Louis Armstrong, Adriano Celentano, Eros Ramazotti bis hin zu Karel Gott.

Wehe bemängelt, dass die Berufsmusiker von der Bundesregierung nicht die notwendige Unterstützung erhielten. Es sollte die ganze Branche bedacht werden, auch die Veranstaltungstechniker und Caterer litten unter den Einschränkungen. Wehe war 2007 Mitbegründer der Lampertheimer Musiker-Initiative (MIL). Bei städtischen Veranstaltungen wie dem Seniorennachmittag zum Spargelfest engagiert er sich gerne auch ehrenamtlich.

Auch die anderen befragten Musiker sind MIL-Mitglieder. Barbara Boll, Lampertheimer Sängerin und Gesangslehrerin, ist nach eigenen Angaben von der Krisensituation stark betroffen. 2018 hat sie sich als Musikerin selbstständig gemacht und nahm von da an ihr berufliches Glück in die eigenen Hände. Boll unterrichtet Schüler von elf bis 76 Jahren im Fach Gesang. Obendrein wirkt sie als Sängerin bei Bands und in musikalischen Projekten mit.

Kaum dass die Krise begonnen hatte, führte die Gesangslehrerin strenge Hygiene- und Abstandsregelungen ein. Da ihr Wohnzimmer größer ist, als der vorhergehende Proberaum, wurden die Räume getauscht. „Außerdem kriege ich noch eine Plexiglasscheibe“, erläutert Boll: „Ich musste meinen Beruf komplett umstrukturieren, also mehr Unterricht geben.“ Für ihre Wohn- und Arbeitsstätte im elterlichen Haus zahlt Barbara Boll Miete.

Ein Überleben auf dieser Basis sei dennoch nicht möglich, da das regelmäßige Einkommen fehle. „Ich bin überglücklich, dass mir eine Frau den Tipp gab, die Grundsicherung zu beantragen“, sagt die Rockröhre. Im Sommer hat sich Boll mit Auftritten auf der Terrasse der Gaststätte „Am Bruchweiher“ in Biblis über Wasser gehalten. „Die Open-Air-Veranstaltungen haben mir geholfen“, betont Boll. Sie erklärt: „Die Gage war auf Spendenbasis und die Spendenfreudigkeit der Besucher haben mir den A(...) gerettet.“

Für direkten Kontakt

Auch bei Schlagzeuger Hans-Jürgen Götz ist der Terminkalender normalerweise reichlich gefüllt, denn er tourt normalerweise mit mehreren Bands durch ganz Deutschland. „Ich habe einen riesigen Einkommensverlust zu verzeichnen, da rund 100 Auftritte weggefallen sind“, bedauert der Musiker. Er ist froh, dass er gesetzliche Rente bezieht und auf Rücklagen zurückgreifen kann. Götz gibt seit Oktober Schlagzeugunterricht an der Musikschule Lampertheim. Vorher war er Lehrer an der Schriesheimer Musikschule. „Der dortige Online-Unterricht während des Lockdowns lief wirklich super, trotzdem ist mir der direkte Kontakt mit den Schülern viel lieber“, sagt Götz.

Auch den Bassisten Frank Willi Schmidt betreffen die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Zuvor konnte er jahrelang frei und kreativ arbeiten. „Ich habe Minder-Einnahmen in fünfstelliger Höhe zu verzeichnen“, bekundet Schmidt: „Und jetzt noch das Veranstaltungsaus im November!“ Der Musiker fühlt sich von der Politik kläglich im Stich gelassen und redet Klartext: „In meinem erweiterten Bekanntenkreis gibt es bisher vier Musiker und Künstler, die sich wegen der Krisensituation das Leben genommen haben.“

Die schlimme Zeit schlage einem auf das Gemüt. Und sie sei anstrengender, weil der Musiker mit viel mehr Unbekannten umgehen müsse. Schmidt kenne zwar Leute, die an Corona erkrankt waren, die aber alle wieder gesundet oder auf dem Weg der Genesung sind. „Corona-Tote kenne ich persönlich keine. Das sollten die Verantwortlichen auch mal ins Verhältnis setzen“, denkt der Bassist.

André Daubmann, der Fachmann für Laserentertainment von „Emotion. Light“ macht sonst die Veranstaltungsbranche bunter. Auch er leidet unter der Gesamtlage. Ihm wurden alle Aufträge in diesem Jahr storniert. „Da es nach wie vor von der Politik keine gezielten Hilfen für die Veranstaltungsbranche gibt, speziell für Solo-Selbstständige, bekomme ich seit April nur die Grundsicherung“, erklärt Daubmann.

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