Lampertheim

Selbstversuch „Südhessen Morgen“-Mitarbeiter Kevin Schollmaier tritt erstmals beim Ostereierschießen an / SV Hubertus lädt Bürger noch bis Donnerstag auf die Anlage

Eier-Jagd entpuppt sich als Volltreffer

LAMPERTHEIM.Flach einatmen, Luft anhalten, zielen und behutsam abdrücken – Sportschießen erfordert Konzentration, eine ruhige Hand und ein gutes Auge. „Schießen?“, fragt mich mein Kumpel Hamid deshalb ungläubig am Telefon, als ich ihn zum Duell beim Ostereierschießen des SV Hubertus auffordere. Sonst gehen wir eher gemeinsam laufen, schwimmen oder stemmen Gewichte. Aber schießen? Das ist doch keine körperliche Herausforderung und eher langweilig, glauben wir. Oder doch nicht? Selbstversuch.

„Liegend oder stehend?“, lautet die erste Frage, als wir den Schießstand an der Rosenaustraße gestern Morgen betreten. Weil wir etwas fragend dreinschauen, schickt uns Wilfried Olbrich erst einmal an den „kleinen“ Stand, wo man mit dem Luftgewehr auf zehn Meter entfernte Scheiben feuert. „Die klassische Disziplin“, erklärt uns der Vereinsvorsitzende und schiebt grinsend nach, „damit fängt man an“.

Man sieht uns offenbar an, dass wir in Sachen Schießsport ziemlich grün hinter den Ohren sind. Ich habe mich das letzte Mal als Jugendlicher beim Nikolausschießen versucht, Hamid hat überhaupt noch nie an einem professionellen Schießstand gestanden. Geschossen hat er zuletzt auf Luftballons. Bei der Kirmes. Dass Sportschießen damit so gar nichts gemein hat, wird uns hier schnell klar.

7000 Eier auf Lager

Drei Patronen und eine Scheibe gibt es für einen Euro beim Luftgewehrschießen. Wir versuchen es mit je sechs Schuss. Für jeden Treffer ins Schwarze gibt es ein buntes Osterei. 7000 Stück hat der Verein davon auf Lager. Weil im vergangenen Jahr ein regelrechter Ansturm herrschte und fast 8000 Eier ausgegeben wurden, stünde der Eierlieferant aber schon parat. Für jeden zehnten Treffer ins Schwarze – also bei mindestens vier Scheiben Einsatz – gibt es außerdem ein Überraschungsei. Davon sind wir beide allerdings weit entfernt. Um kurz nach zehn am Sonntag können wir uns auf dem Stand noch eine der 16 Bahnen aussuchen, Hochbetrieb erwarten die Veranstalter erst für den Mittag. „20 Ehrenamtliche betreuen unsere Anlage im Schnitt“, erklärt Olbrich. Und die lassen keine Hektik aufkommen. Wild gefeuert wird hier nicht, es herrscht eine ruhige und konzentrierte Atmosphäre. Keiner der Schützen sei hier, „um einfach eine Wumme in der Hand zu halten“.

Frank Strubel erklärt uns dann das Sportgerät. Er selbst schießt beim SV Hubertus seit den 80er Jahren. „Nicht zu nah mit dem Auge ans Diopter“, rät er und baut uns gleich ein Stativ auf, auf dem wir die Waffe ablegen können. An den Abzug dürfen wir erstmal nur mit ausgestrecktem Finger, bis das Schwarze auch in der Zielvorrichtung erscheint. Das ist wohl auch, was Vorsitzender Olbrich mit „Respekt vorm Sportgerät“ meint.

„Die Disziplin an der Waffe ist Teil des Schützensports, mit einfach drauflos Feuern hat das nichts zu tun“, erzählt er später. Als ich die Waffe dann anlege, erscheinen mir die zehn Meter plötzlich wie Kilometer. Die drei Zentimeter große schwarze Scheibe scheint verschwommen und unendlich weit weg. Da huscht sie kurz durchs Visier und zack – schon hat sich der erste Schuss gelöst. „Es braucht nur hundert Gramm, um den Druckpunkt zu brechen und abzufeuern“, erklärt Frank Strubel. Zu meiner Überraschung gibt sich eine Fünf zu erkennen, als er die Scheibe holt. „Gar nicht so schlecht“, findet der Profi.

Erster Schuss unauffindbar

Mein Kompagnon setzt dagegen gleich die ersten zwei Versuche ins Weiße, trifft dann aber vier Mal in Folge. Hamid und ich merken schnell: Ein Duell Mann gegen Mann ist es weniger. Eher ein mentales Duell mit sich selbst. Weil wir jetzt angefixt sind, versuchen wir uns auch noch am Kleinkaliber. Hier sehen die Patronen schon eher nach Geschossen aus, neben minimalem Rückstoß gibt es auch einen kleinen Knall. Auf 50 Meter wird im Liegendanschlag Jagd auf Schokohasen gemacht. Mein erster Schuss? Nicht auffindbar. Dann gibt mir ein Helfer einen wichtigen Tipp. Mit Blick auf meine fingerdicke Brille rät er mir, weiter nach links zu zielen. Schon treffe ich fünf Mal – und habe eine Ausrede für mein fehlendes Talent.

Außerdem bietet der Schützenverein besondere Scheiben fürs Glücksschießen an. Statt des runden Trefferfeldes befinden sich darauf 25 kleine quadratische Felder mit unterschiedlichen Punktzahlen. Aber Vorsicht ist geboten: Es gibt auch Minuspunkte. Bei uns steht es am Ende 34 zu 34. Schokohasen gibt es dafür eigentlich nicht, aber einen Trostpreis.

Unser Fazit: Schießen mag nicht der körperlich anspruchsvollste Sport sein, aber er hat andere physische und mentale Anforderungen. Und es eignet sich hervorragend als Ergänzungssport. Legt man die Waffe an, vergisst man schnell alles andere. „Schießen spendet innere Ruhe“, bestätigt Wilfried Olbrich. Mit dem Training könne man das fördern. Zu Sportschützen werden Hamid und ich zwar nicht mehr – aber Spaß hat’s gemacht. „Und ich habe nun viel mehr Respekt vor diesem Sport“, sagt Hamid am Ende. Der Bedarf für die Feiertage ist zwar mit je vier Eiern noch nicht gedeckt. Aber bis Donnerstag haben wir ja noch Zeit zu schießen.

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