Lampertheim

Soziales Ältere Menschen wenden sich mit anhaltenden Ängsten und depressiven Verstimmungen an Seniorenberatung / Isolation bleibt „Riesenproblem“

„Einige gehen immer noch nicht raus“

Lampertheim.„Das waren und sind harte Zeiten für ältere Menschen“, fasst Silvia Rhiem (Foto) die vergangenen Monate seit Beginn der Corona-Pandemie zusammen. „Einige haben so viel Angst vor dem Virus, dass sie immer noch nicht rausgehen“, berichtet die Leiterin der Lampertheimer Seniorenberatung, „andere sind unendlich traurig, dass ihnen so vieles weggebrochen ist: der Kaffeeplausch, die Begegnungsstätte, die kulturellen Veranstaltungen.“

Die Seniorenberaterin ist froh, dass sie in der Einrichtung in der Neuen Schulstraße, die zum Caritasverband Darmstadt gehört, mittlerweile wieder Rat- und Hilfesuchende empfangen darf. Auch Hausbesuche sind nach Absprache wieder möglich. Die Phase des Lockdown, in der nur telefonische Beratung erlaubt war, stellte auch Rhiem vor besondere Herausforderungen. Der persönliche Eindruck sei für sie essenziell, um sich ein Bild vom Zustand und vom Umfeld der Klienten zu machen.

Die Schwerhörigkeit vieler betagter Menschen mache fernmündliche Kommunikation zusätzlich schwierig und für beide Seiten anstrengend. „Aber Not macht erfinderisch“, erinnert sich Silvia Rhiem an manche skurrile Begebenheit, bei der beispielsweise Briefe und Formulare über Balkone und Mülltonnen ausgetauscht wurden.

Pflegekräfte abgesprungen

Angehörigen von Pflegebedürftigen war die Seniorenberatung in den vergangenen Wochen ebenfalls eine wertvolle Stütze. „Am Anfang der Pandemie war die große Sorge der Angehörigen, was passiert, wenn die 24-Stunden-Kräfte abspringen oder der Pflegedienst nicht kommt“, erläutert Silvia Rhiem. Tatsächlich seien einige osteuropäische Pflegekräfte aus Angst oder Unsicherheit in ihre Heimat nach Polen, Ungarn oder die Ukraine gegangen. In solchen Fällen empfiehlt die Seniorenberaterin, sich mit der zuständigen Vermittlungsagentur in Verbindung zu setzen und in den Vertrag zu schauen. Auch hierbei bietet die Seniorenberatung Hilfestellung an.

Befürchtungen hinsichtlich der Pflegedienste hätten sich dagegen nicht bestätigt, sagt Rhiem. Einige Familien hätten aber von sich aus auf diese Unterstützung verzichtet und die Pflege vorerst selbst organisiert.

Wie verhält man sich in Zeiten von Corona richtig? Diese Frage treibe sehr viele Senioren um. Das hat Silvia Rhiem gerade zu Beginn der Pandemie festgestellt. Eine pauschale Empfehlung, die über die allgemeingültigen Abstands- und Hygieneregeln hinaus geht, kann aber auch sie nicht geben. Stattdessen rät sie: „Wenn jemand Angst hat, sich zum Beispiel bei der Putzhilfe oder einer Pflegekraft anzustecken, sollte er mit der betreffenden Person über diese Sorgen sprechen.“ Blieben starke Bedenken auch nach einem solchen Gespräch bestehen, sollte man sich überlegen, ob man für eine gewisse Zeit auf bestimmte Hilfeleistungen verzichten könne – wenn es der eigenen Beruhigung diene.

Ein „Riesenproblem“ sei immer noch die Isolation vieler Senioren, die sich unter der Corona-Krise weiter verschärft habe, macht Rhiem auf ein anderes Thema aufmerksam. Depressive Verstimmungen seien daher häufig der Anlass für eine Beratung.

„Einige Senioren leiden auch, weil sich Kinder und Enkel sehr streng an die Regeln halten“, hat Rhiem beobachtet, „und wenn die dann beim Blick in den Nachbargarten sehen, dass es dort anders gehandhabt wird, kommen schon mal Neid und Frust auf.“

„Keine Zeitung und kein Internet“

Regelmäßig kontaktiert Silvia Rhiem die Menschen, von denen sie weiß, dass sie alleine leben und keine Angehörigen oder Freunde in der Nähe haben. Natürlich nur die, die das auch möchten. Rhiems Erfahrung ist, dass ihr Angebot gerne angenommen wird. Manche Senioren freuten sich auch, wenn sie von ihr Informationen wie die aktuellen Infektionszahlen erhielten. „Denn viele haben keine Zeitung und auch kein Internet.“ Desinformation schüre aber Unsicherheit und weitere Ängste – zum Beispiel beim Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmachten. „Einerseits gibt es da eine sehr große Nachfrage, andererseits die Angst, mit den in der Patientenverfügung gemachten Angaben eventuell nicht beatmet zu werden“, berichtet Rhiem, die auch hier aufklären und beruhigen kann: „Für das Inkrafttreten der Patientenverfügung ist entscheidend, dass bereits der Sterbeprozess eingetreten ist.“ Niemand werde wegen einer Patientenverfügung von einer notwendigen Beatmung ausgeschlossen, stellt sie klar.

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