Lampertheim

Forst Jäger erlegen mit rund 100 Wildschweinen und Rehen deutlich weniger als im Vorjahr / Tierschützer protestieren / Forstamt nennt Vorteile für Wald und Verkehr

Erneut Mahnwache gegen Treibjagd

Hüttenfeld/Viernheim.Der blaue Himmel ist glasklar, die Luft eiskalt und die Sonne strahlt in den sich herbstlich lichtenden Wald. Zunächst sieht es nach einem besonders schönen und ruhigen Samstagmorgen im Viernheimer Wald aus. Keine Autos auf der viel befahrenen Waldstrecke L 3111, keine Menschenseele ist zu sehen – bis um neun Uhr die ersten, kilometerweit schallenden Schüsse die Stille zerreißen. Am Nachmittag, nach acht Stunden Bewegungsjagd und Nachsuche, lautet die vorläufige Bilanz: rund 100 tote Tiere, davon zwei Drittel Schwarzkittel und ein Drittel Rehe. Für das organisierende Forstamt in Lampertheim sind der Tag und die erlegte Strecke ein Erfolg. Tierschützer sehen das anders.

Auch die sechste, großangelegte Bewegungsjagd zwischen Viernheim und Hüttenfeld rief neben den Fürsprechern auch Kritiker auf den Plan. Seit Jahren monieren sie bei solchen Jagdformen unnötiges Tierleid. Bei einer Bewegungs- oder Drückjagd beunruhigen Treiber und Spürhunde das Wild systematisch. Zuvor auf Hochsitzen positionierte Schützen legen dann auf Wildschweine und Rehe auf ihrem Weg durchs Unterholz an. Aus Sicht der Tierschützer ist der saubere Schuss bei dieser Methode eine Mär und eher die Ausnahme. „Mit einer solchen Drückjagd nimmt man massive Qualen für die verletzten und flüchtenden Tiere in Kauf“, sagte Michèle Dressel am Samstag. Die Dossenheimerin engagiert sich privat im Tierschutz und hat die stille Mahnwache am Viernheimer Anglersee-Kreisel in diesem Jahr organisiert.

„Wildes Leben statt wilder Jagd“

Ihrem Aufruf folgten unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln rund 30 Teilnehmer mit Mund-Nasen-Schutz und Transparenten. Darauf stand etwa „Hupen gegen die Treibjagd“ oder „Wildes Leben statt wilder Jagd“.

Dem entgegen steht Forstamtsleiter Ralf Schepp. Der Organisator der Bewegungsjagd, die inzwischen jährlich stattfindet, war mit dem Tag zufrieden. „Wir hatten Glück mit dem Wetter, alles ist gut gelaufen, es gab keine Störung, niemand ist ins Treiben geraten und die Bevölkerung hat sich vorbildlich an die Begehungsverbote gehalten“, resümierte er.

Schepp hatte in den vergangenen Jahren immer wieder betont, dass die Tiere weder gehetzt würden noch panisch auf der Flucht seien, sondern durch die Beunruhigung lediglich ihre gewohnten Routen nähmen. Weder die eine noch die andere Sichtweise lässt sich wirklich genau beurteilen, denn Zugang zum Wald haben nur Jagdteilnehmer.

In diesem Jahr war das Forstamt außerdem streng abgeriegelt, auch Fotografieren war dort verboten. Das lag laut dem Veranstalter an den Corona-Vorgaben.

Die über 100 Waidmänner gingen dezentral, in neun Kleingruppen in den Wald. Die traditionelle Zusammenkunft im Anschluss fiel Corona-bedingt aus, ausländische Gäste waren nicht wie sonst üblich eingeladen. Östlich der Landstraße organisierten erneut die Revierpächter selbst ihre Jagd.

Zahlenmäßig fällt die Strecke geringer aus als in den Vorjahren. Waren es 2019 noch 131, erlegten die Jäger diesmal rund 100 Tiere. Einige Tierschützer führen das spekulativ auf das Fehlen der ausländischen Jäger zurück. Deren Einsatz als „zahlende Jagdgäste“ war dem Forstamt in den vergangenen Jahren oft als „kommerzielle Jagd“ ausgelegt worden. Schepp stellte dagegen immer unmissverständlich klar, es gebe keine zahlenden Gäste.

Aus Sicht der Mahnwachen-Teilnehmer ist das Konzept Bewegungsjagd ohnehin gescheitert. „Dass die Schwarzkittel-Population trotz immer steigender Abschussraten steigt, zeigt, dass das Forstamt nach anderen Lösungen suchen muss“, fand Michèle Dressel.

Schepp hält dagegen, dass der überbordende Bestand ohne Jagd zu explodieren drohe – mit weitreichenden Folgen für die Natur. „Der natürliche Flaschenhals ist verloren gegangen, durch die milden Winter und das große Nahrungsangebot finden Wildschweine und Rehe ideale Mastbedingungen vor“, so der Amtsleiter. Eine Verjüngung des Waldes sei so kaum möglich.

Als Indiz für Sinn und Erfolg der Jagd führt Schepp die Unfallzahlen an der Waldstrecke ins Feld: Die L 3111 zwischen Hüttenfeld und Viernheim sei die einzige Strecke im Ried und an der Bergstraße, auf der Wildunfälle zurückgegangen sind – von 38 im Jahr 2018 auf 25 im vergangenen Jahr.

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