Lampertheim

Unwetter Die Folgen des schweren Gewitters stecken einigen Lampertheimern immer noch in den Knochen

„Gegen Volltreffer durch Blitze hilft nur Beten“

Lampertheim.Sie waren verreist, als vor wenigen Wochen ein Gewitter über Lampertheim niederging. Besonders davon betroffen war die Innenstadt. Umso größer der Schock bei der Rückkehr: kaputte LED-Lampen, verschmorte Schalter, Computer defekt und Warmwasser-Pumpe außer Betrieb. Das Stromnetz im Haus: tot. Auch Nachbarn in der Poststraße, Steinstraße und Mathildenstraße klagten über Schäden: Modems, Router und Verteiler waren unbrauchbar geworden. Der Blitz hatte ganze Arbeit geleistet.

Sofort wollten Erika und Klaus Bergmann (Namen von der Redaktion geändert) den Schaden beim Stromversorger EWR in Worms melden. Doch am Wochenende war dort niemand erreichbar. Bis ein Mitarbeiter kam, dauerte es Tage: Vom Zeitpunkt des Gewitters an einem Samstag bis zum Dienstag in der darauffolgenden Woche.

So lange mussten die Bergmanns ohne warmes Wasser und elektrische Beleuchtung auskommen. Kühlgut wurde zu Verwandten gebracht. Alles in allem waren die Folgen eher überschaubar. Dennoch: „Mir ist angst und bange geworden“, sagt Klaus Bergmann. Er fragt sich, was wäre geschehen, wenn Leitungen durchgeschmort oder es zu einem Funkenflug gekommen wäre – und das in Abwesenheit der Bewohner, die nicht hätten eingreifen können?

Einschlag ins Stromnetz

Als die Bergmanns das Haus gekauft haben, hieß es, einen Blitzableiter brauche man heute nicht mehr. Sie ließen ihn daraufhin demontieren. Ohnehin, so glaubt Klaus Bergmann, hätte ein Blitzableiter im konkreten Fall nichts gebracht. Denn der Blitz habe nicht direkt ins Haus eingeschlagen, sondern ins Stromnetz.

Inwieweit der indirekte Blitzeinschlag durch die starke Außennässe in Verbindung mit dem Gewitter begünstigt wurde, fragt sich Bergmann heute. In der Straße stand das Wasser, es sprudelte aus den Kanalschächten und sammelte sich in Pfützen und Teichen auf Straßen, Wegen und in Gärten. „Mein Hund ist bei Gewitter früher immer in den Keller gegangen“, erinnert sich Bergmann. Er überlegt sich, ob der Keller nicht grundsätzlich der beste Aufenthaltsort wäre, wenn Blitze und Donner drohen.

Dagegen nimmt Lampertheims Stadtbrandinspektor Klaus Reiber eine eher pragmatische Haltung ein. Gegen einen Volltreffer durch einen Blitz helfe auch kein Blitzableiter: „Der Blitz macht, was er will“, meint Reiber lapidar. Am eigenen Haus habe er den Blitzableiter abgebaut. Dennoch bestehe im Haus keine unmittelbare Gefahr für Menschen, etwa vom Blitz getroffen zu werden. Etwas anderes sind Brände, die durch Überspannungsfolgen und Kurzschlüsse ausgelöst werden können. Immerhin bis zu 40 Prozent aller Brände würden durch Störungen oder Fehler in der Elektrik verursacht.

Reiber empfiehlt grundsätzlich, beim Herannahen eines Gewitters sämtliche Stromstecker zu ziehen. Und er rät zur Installation von Überspannungsschutzgeräten – würde sich aber auch auf diesen Schutz nicht zu hundert Prozent verlassen. Dass Blitze durch Nässe in der Umgebung ins Haus geleitet werden können, hält er allerdings für unwahrscheinlich. Blitze könnten sich jedoch auch in größeren Radien ins Stromleitungsnetz fortpflanzen.

Überspannungsschutz ratsam

Auch der Lampertheimer Architekt Franz-Rudolf Braun – er saniert den historischen Beamtenbau in Neuschloß – empfiehlt die Ausstattung von Gebäuden mit Überspannungsschutz-Modulen. Gegen einen Dachstuhlbrand etwa in älteren Gebäuden helfe allerdings nur ein Blitzableiter, der auch noch nachträglich eingebaut werden könne.

Das Wormser EWR teilt auf Anfrage mit, ein Bereitschaftsdienst sei bei Störungen im EWR-Netz zuständig. Diese Zuständigkeit ende an den Abgangsklemmen des Hausanschlusses. Damit gehörten die Hausanschlusssicherungen noch in die Zuständigkeit von EWR. Ab dort beginne die Kundenanlage. Diese werde über den Bereitschaftsdienst von EWR nicht erfasst; hier müsse sich der Kunde an einen eingetragenen Elektroinstallateur wenden.

Bei allen Mitteln, die moderne Elektronik heute zur Verfügung stellt, bringt Stadtbrandinspektor Klaus Reiber eine alte, heute bisweilen vergessenen Methode in Erinnerung: „Gegen einen Volltreffer durch einen Blitz hilft nur Beten.“ Unterdessen hat das Hessische Finanzministerium vom Unwetter Geschädigten steuerliche Erleichterungen zugesagt.

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