Lampertheim

Interview Fachbereichsleiter Rolf Hecher spricht über Nachhaltigkeit in der Lampertheimer Kulturpolitik

„Große Namen bringen wenig“

Lampertheim.Open-Air-Festivals, Theaterabende, Künstlermärkte, Ausstellungen, Lesungen, Events für Kinder, Konzerte von Rock bis Klassik: Das kulturelle Leben in Lampertheim bietet eine enorme Vielfalt. Eingekauft werden dafür – verglichen mit Städten ähnlicher Größe – relativ wenig Künstler. Die Kulturschaffenden in der Spargelstadt sind gut vernetzt und stellen eine Menge selbst auf die Beine. Über Basis und Zukunft dieser „Gemeinwesenkultur“ hat der „Südhessen Morgen“ mit dem Fachbereichsleiter Bildung, Kultur und Ehrenamt, Rolf Hecher, gesprochen.

Herr Hecher, MIL, KIL, WIL. Das ist kein wenig gelungener Kinderreim, sondern Ausdruck für den Reichtum der Lampertheimer Kulturszene . . .

Rolf Hecher (lacht): Dabei sind die Musiker-Initiative Lampertheim (MIL), die Künstler-Initiative Lampertheim (KIL) und die Wort-Initiative Lampertheim (WIL) zwar ein wichtiger, aber trotzdem nur ein Ausschnitt davon.

Wie kam es, dass sich die Kreativen hier zu solchen Initiativen zusammenschlossen, die mit ihren Veranstaltungen aus dem Stadtleben nicht mehr wegzudenken sind?

Hecher: Eine Wurzel ist sicherlich die Lampertheimer Künstlerkartei, die im Jahr 2001 in gedruckter Form erschienen ist.

Wie kam die zustande?

Hecher: Als ich 1996 Leiter des früheren Kulturamts geworden bin, wollte ich mit den Lampertheimer Künstlern ins Gespräch kommen, wissen, was sie brauchen, wie man sie unterstützen könnte – finanziell, organisatorisch, logistisch oder im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe Namen und Profile gesammelt, Treffen organisiert. Dabei entstanden Verbindungen von Leuten, die gemeinsam Programme erarbeiten wollten.

So etwas füllt den Veranstaltungskalender. . .

Hecher: Ja, und noch dazu nachhaltig. Die Alternative zu solch einem Ansatz, der sich am Gemeinwesen einer Kommune orientiert, ist die Agenturarbeit. Natürlich kann ich auch versuchen, Ed Sheeran für Lampertheim zu buchen (schmunzelt). Aber im Ernst, das Geld für große Namen ist schnell ausgegeben und bringt das kulturelle Leben in der Stadt nur wenig weiter.

Zumal die Spielstätten hier begrenzt sind . . .

Hecher: Genau. Für etwas größere Veranstaltungen, die nicht open air sind, bietet sich in Lampertheim nur die Hans-Pfeiffer-Halle an . . .

. . . mit mäßigem Flair . . .

Hecher: Da sind etwa unsere Nachbarn in Bürstadt mit ihrem Bürgerhaus schon besser ausgestattet. Oder Bensheim mit seinem Parktheater. Aber das ist für uns vielleicht auch gar nicht so wichtig. Lampertheim ist ja schließlich in der Metropolregion eingebettet, wir können Stars auch in Mannheim, Ludwigshafen oder Heidelberg sehen und brauchen dafür keine Riesendistanzen zurücklegen. Da macht es doch viel mehr Sinn, unseren Künstlern vor Ort unter die Arme zu greifen und dabei zu helfen, ihre Zusammenarbeit zu intensivieren.

Wie funktioniert das konkret?

Hecher: Seit Jahren treffe ich mich beispielsweise einmal im Monat mit Musikern, die sich inzwischen zur MIL zusammengeschlossen haben. Ein Teil von ihnen war schon in der Künstlerkartei verzeichnet. Bei den Treffen stellt – nach einer Feedbackrunde zum letzten Konzert – jemand aus der Runde eine neue Projektidee vor und übernimmt als Leiter auch die Verantwortung für das Projekt. Dabei arbeiten meist verschiedene Lampertheimer Musiker zusammen. Die MIL holt aber auch Gastmusiker aus dem Umland hinzu. Oder knüpft Verbindungen zur Lampertheimer Musikschule oder zur Kirchenmusik. So kommt ein riesiges Netzwerk zustande. Derzeit wird für eine Soulnight und für eine Veranstaltung „Best of Bee Gees“ geprobt. Beide sollen im Oktober im Schwanensaal über die Bühne gehen, der das Alte Kino als Veranstaltungsort für MIL-Konzerte ablöst.

Warum?

Hecher: Der Vermieter des Alten Kinos wollte bautechnische Auflagen der Kreisbehörde nicht umsetzen. Daher mussten wir nach einer Alternative suchen. Die Kirchengemeinde St. Andreas und Pfarrer Patrick Fleckenstein standen unserem Anliegen offen gegenüber und boten uns den Schwanensaal an. Das ist ein Glücksfall. Denn der Schwanensaal bietet bei Auftritten sogar ein paar mehr Möglichkeiten. Beispielsweise kann bei einem Konzert oder einer Theateraufführung die „Showtreppe“ vor der Bühne mit ins Geschehen eingebaut werden.

Also beeinflussen die vorhandenen Örtlichkeiten doch auch die Kulturszene.

Hecher: Ganz bestimmt sogar. Die Künstlerinitiative beispielsweise ist überhaupt erst entstanden, als die Stadt den Malern und Bildhauern das alte Postgebäude in Hofheim gegen Miete als Atelier und Ausstellungsfläche zur Verfügung gestellt hat. Auch bei der KIL dürfen Gastkünstler sich und ihre Werke vorstellen – wie bei der kommenden Ausstellung „KIL & Friends“ im November. Das wiederum bringt neuen Input nach Lampertheim. Auch der Nachwuchs in unserer Stadt wird von der KIL kreativ geschult, beispielsweise wenn sie Kurse im Rahmen der Ferienprogramme für Kinder und Jugendliche anbietet.

Ebenfalls eine Form der kulturellen Nachhaltigkeit . . .

Hecher: Die zeigt sich in vielen Bereichen. Zum Beispiel auch beim zweiten Lampertheimer Schreibwettbewerb, dessen Preisträger die Wortinitiative gestern Abend ausgezeichnet hat. Der Wettbewerb richtet sich bewusst an Erstschreiber aus der Region. Ein Autoren-Coaching wurde angeboten und Profis haben den Neulingen geholfen, ihren Geschichten den nötigen Feinschliff zu verpassen. So kann sich auch die Lampertheimer Literaturszene erweitern.

Literatur, Bildende Kunst, Musik. Fehlt nur noch eine Initiative für die Darstellende Kunst . . .

Hecher (grinst): Ich weiß nicht, ob wir da noch eine Initiative brauchen. Immerhin haben wir mit ZwiBuR in Hüttenfeld, den Krautstorzen in Hofheim, der Volksbühne und dem Heimat-, Kultur- und Museumsverein in der Kernstadt gleich vier Theatergruppen, die sich Mundartstücken verschrieben haben. Mein Traum wäre aber, dass Lampertheimer aller vier Kultursparten einmal eine gemeinsame Veranstaltung oder Veranstaltungsreihe organisieren und durchführen würden.

Ein Plan für die Zukunft . . .

Hecher: Oh, da hätte ich noch ein paar mehr. Mit den Aktiven würde ich gerne besprechen, ob eine Neuauflage der Künstlerkartei sinnvoll wäre. Vielleicht digital. In eine neue Kartei müssten auch der Film und die Kunstpädagogik aufgenommen werden. Denn auch in diesen Bereichen arbeiten Lampertheimer.

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