Lampertheim

Neuschloß Ingenieure erklären Prozedere zur Reinigung des Bodens / Bau einer zweiten Aufbereitungsanlage beginnt noch im Mai

Im Boden liegt tonnenweise Arsen

Archivartikel

NEUSCHLOß.Die Grundstücke sind saniert, der Sodabuckel ist gesichert. Seine Altlasten ist Neuschloß deshalb aber noch lange nicht los. In vielen Gebieten der ehemaligen chemischen Fabrik lagern nach wie vor tonnenweise Giftstoffe im Boden und Wasser. Auch direkt unterhalb der Wohnbebauung schlummern in tieferen Bodenschichten weiter Schadstoffe. Zehn Tonnen Arsen sollen es im Grundwasserleiter sein.

Weil der bisherige Sanierungsprozess über Wasseraufbereitungsanlagen nur spärlich Arsen herauslöst und mehr als 100 Jahre dauern würde, beginnt nun eine „großtechnische Arsenmobilisierung“ mit Phosphat. So soll die Grundwassersanierung in spätestens zehn Jahren abgeschlossen sein, so das zuständige Unternehmen HIM bei einer Infoveranstaltung im Bürgersaal.

Nach der Bekanntgabe der Sicherung des Roten Hofs und der Sandgruben ab 2022 schlägt der Stadtteil seit Jahresbeginn ein weiteres Kapitel in Sachen Altlastensanierung und Pilotprojekte auf. Denn das Projekt zur Arsenmobilisierung ist weltweit einzigartig. „Wir ersetzen Arsen durch Phosphat“, erklärte Ingenieurin Birgit Schmitt-Biegel dem guten Dutzend Interessierten. In sieben bis zehn Metern Tiefe werde dem wasserdurchströmten Boden über acht Infiltrations-, fünf Entnahmebrunnen und ein Schacht- und Leitungssystem Phosphat zugegeben.

Der Stoff löse das giftige Arsen vom Boden ins Grundwasser. So könnten größere Mengen abgepumpt und aufbereitet werden. Das Leitungs- und Schachtsystem befindet sich wie die Brunnen nur unterhalb der Straßen. Durch das Strömungsverhalten sollen aber auch Bereiche unterhalb von Grundstücken gereinigt werden. Das Konzept sieht vor, in sieben Jahren etwa 3,2 Tonnen Arsen zu entfernen.

Zwar funktioniert laut den Experten die bisherige Sanierung seit 2003 mit der Wasseraufbereitungsanlage, sie löse aber nur wenig Gift. Unter dem ausgetauschten Boden gebe es noch große Mengen – obwohl die Erde von 125 Grundstücken bis dreieinhalb Meter tief ersetzt und mit Sickersperrschichten gesichert wurde. Etwa einen Kilometer sollen sie in bis zu 30 Metern Tiefe lang sein. Eine umfassende Sanierung auf ein zufriedenstellendes Maß würde auf diese Weise mehr als 100 Jahre dauern. Und der Schadstoff bewege sich langsam mit rund 15 Zentimetern pro Jahr in Richtung Bürstädter Wasserwerk im Wald.

Das neuartige Verfahren hat HIM mit der Uni Heidelberg entwickelt. Es wurde in einer ehemaligen Sickergrube im Ulmenweg 2016 und 2017 getestet. „Wir haben einen deutlichen Mehraustrag gegenüber der Sanierung ohne Phosphat registriert“, sagt Altlastengeologe Dieter Riemann. Etwa 40 Prozent des verfügbaren Arsens habe man dort austragen können – jedoch nur kurzfristig. „Um einen langfristigen Effekt zu erzielen, müssen wir die Phosphatmenge verzehnfachen.“ Das hätten Versuche gezeigt.

Das Ganze läuft seit Jahresanfang auf der bestehenden Anlage. „In den ersten vier Monaten haben wir 30 Kilogramm raus geholt“, erklärt Riemann. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 50 Kilogramm. Um diese Menge zu verdreifachen und das Sanierungsziel von fünf bis zehn Jahren einzuhalten, wird aufgerüstet. Eine zweite Aufbereitungsanlage mit automatisierter Schlammentwässerung entsteht demnächst an der Landstraße. Diese soll rund um die Uhr laufen. Aber Riemann beruhigt: „Arsen riecht nicht, kann nicht explodieren. Lärmgutachten wurden eingeholt, Nachbarn eingebunden.“ Für die Bürger wird ein Tag der offenen Tür geplant.

„Das ist ein weiterer Schritt zu einer bestmöglichen Sanierung“, freute sich Carola Biehal, Vorsitzende des Projektbeirats Altlasten Neuschloß (PAN) über die neuen Möglichkeiten. Es werde immer Arsen im Boden verbleiben. Ziel sei aber eine geringstmögliche Kontamination für künftige Generationen.

Das neue Verfahren soll die Grundwassersanierung nicht nur schneller, sondern auch wirtschaftlicher machen. Eine Million Euro stellt das Hessische Umweltministerium jährlich zur Verfügung. Riemann sagt: „Jetzt müssen wir auch liefern und die entfernte Arsenmenge noch deutlich erhöhen.“ Für Neuschloß wäre der Erfolg dieses Projekts „ein Segen“, betonte Biehal.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Südhessen Ticker
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional