Lampertheim

Vereine Eingeschränkter Trainingsbetrieb wieder möglich / Wenige Vereine auf Nothilfen angewiesen

In der Krise rückt die Sportfamilie enger zusammen

Archivartikel

Lampertheim.Der Ball rollt wieder. Zumindest in der Fußball-Bundesliga. Während die Profis am Wochenende vor Geisterkulisse wieder gespielt haben, durften auch Amateurvereine in der vergangenen Woche den Trainingsbetrieb wieder aufnehmen. Wettbewerbe und Veranstaltungen erscheinen aber noch in weiter Ferne – das belastet die Vereine finanziell stark. Wir haben uns bei den Lampertheimer Ehrenamtlichen umgehört: Die Nothilfen des Landes nimmt keiner der befragten Vereine in Anspruch. Besonders erfreulich: In der schwierigen Zeit scheint die Sportfamilie gedanklich enger zusammen zu rücken, viele Mitglieder zeigen sich solidarisch. Ein Stimmungsbild.

„Rein sportlich ist das natürlich eine Katastrophe“, sagt Bernd Ehret ohne Umschweife über den komplett eingestellten Trainings- und Wettkampfbetrieb in den vergangenen Wochen. Exemplarisch dafür steht beim Vorsitzenden der Sportgemeinde Hüttenfeld (SGH) die erste Herrenmannschaft im Tischtennis, die in der Bezirksklasse im Meisterschaftsrennen steckte. Die Saison ist inzwischen abgesagt, ein für die Tischtennis-Asse möglicher, außergewöhnlicher Erfolg dahin.

Mangel an Perspektiven

Ähnlich geht es vielen anderen – vom Hobbyathleten bis zum Spitzensportler –, in den unterschiedlichsten Sportarten. Ziele, auf die lange hingearbeitet wurden, sind verschwunden, neue Zielsetzungen und Perspektiven wegen der großen Unsicherheit kaum realisierbar.

Beklagen will sich der SGH-Vorsitzende aber nicht. Es sei für die Sportler selbst sehr schade, verstehen könne im Verein aber jeder die Maßnahmen. Die Kontaktbeschränkungen haben aber nicht nur sportliche Auswirkungen. Finanziell, ist immer wieder zu lesen, stünden viele Vereine vor dem Aus. Die Lampertheimer Vereinswelt scheint dagegen noch vergleichsweise gut aufgestellt. Zumindest die fünf befragten Vereine SGH, TV Lampertheim, Wassersportverein (WSV), Schützenverein Hubertus und der Reit- und Fahrverein (RuF) betonen unisono: „Wir nehmen die Soforthilfen nicht in Anspruch“. Das Geld sei bei Vereinen in akut existenzbedrohender Lage, „denen das Wasser schon überm Hals steht“, besser aufgehoben, erklärt etwa die TVL-Vorsitzende Sabine Gärtner.

Dennoch bedeutet besonders das Veranstaltungsverbot einen herben finanziellen Schlag. Schließlich können kleine Vereine nicht allein von Mitgliederbeiträgen leben, sondern sind auf Gewinne aus Wettkämpfen und Festen angewiesen. Beim TV entfällt der Spargellauf, der WSV hat die große Regatta und das Sommerfest abgesagt, der RuF sein April-Turnier gecancelt. Dazu kommen Vaterstags- und 1. Mai-Feste, Einnahmen aus Vereinsheimen oder der Kerwe. „Das kann schon in den fünfstelligen Bereich gehen, was uns später fehlt“, rechnet SGH-Vorsitzender Bernd Ehret vor. Er versichert aber genau wie seine Kollegen, „auf soliden Füßen“ zu stehen und mit den erwirtschafteten Rücklagen sicher bis ins kommende Jahr durchzuhalten.

Keine Austritte

Dabei helfen den Ehrenamtlichen auch viele Mitglieder. Alle Vereinsvertreter berichten von Mitgliedern, die trotz ausfallender Leistungen freiwillig weiter Geld bezahlen. „Viele zahlen weiter für Reitstunden, obwohl die ausfallen“, ist Cora Wunder vom RuF überrascht. Weil die vier vereinseigenen sowie 14 privaten Pferde auf dem Gelände auch weiterhin „fressen und kosten“ und Auslauf brauchten, gab es einen „Notbewegungsplan“. In festen Schichten wurden die Tiere ausgeführt. Ohnehin seien die Abstandsregelungen, ähnlich wie beim WSV auf dem Wasser, in dem relativ kontaktlosen Einzelsport gut umsetzbar. Auf dem Wasser verzichte man beispielsweise aber auf Zweikämpfe im Kanupolo oder Ausfahrten mit mehr als zwei Personen. Auch Reiner Vetter ist überrascht, dass viele Eltern für die nicht mehr geleistete Betreuung in der Kanuakademie weiter gezahlt haben. „Austritte gab es gar keine“, freut er sich.

Logistischer Aufwand

Zur Wiederaufnahme des Trainings haben alle Vereine Hygiene- und Abstandskonzepte unter Vorgaben der jeweiligen Fachverbände erarbeitet. So müssen Sportler etwa schon in Sportbekleidung erscheinen, die Duschen sind geschlossen. Der Kraftraum beim WSV, den zuvor nur Bundeskaderathlet Simon Specht mit einer Ausnahmeregelung betreten durfte, kann nun wieder von drei Personen gleichzeitig genutzt werden. Besonders für die Mehrspartenvereine ist das ein großer logistischer Aufwand. „Gerade für Kinder, deren Schulen geschlossen sind, ist es enorm wichtig, dass sie sich wieder austoben können“, betont Cora Wunder vom RuF. Denn Sport habe auch eine soziale Funktion. „Manche Mitglieder sind verwitwet“, erklärt Wilfried Olbrich vom Schützenverein, „durch den Verein erhalten sie Kontakte am Leben“.

Geteilte Meinung sind Lampertheims Vereinsvertreter übrigens bei der Frage, ob der Bundesliga-Start ein gutes Zeichen ist. Für Sabine Gärtner ist es wegen der Vorbildfunktion ein „zweischneidiges Schwert“, für ihren Mann und Sohn sei es dagegen ein Festtag. Die wahren Vorbilder sind in diesen Tagen ohnehin nicht die Bundesligaprofis. Sondern Vereinsvertreter, die ehrenamtlich viel Zeit opfern und große Verantwortung schultern, um der Gesellschaft und ihren Mitgliedern den Sport mit sicherem Abstand zu ermöglichen.

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