Lampertheim

Flüchtlinge Für viele Menschen in Lampertheim ist der in der Bundespolitik vieldiskutierte Familiennachzug ein wichtiges Thema

„Integration jetzt die Hauptaufgabe“

Lampertheim.Der Familiennachzug für Flüchtlinge war in den Berliner Koalitionsverhandlungen ein umstrittenes Thema und sorgt auch in der Großen Koalition weiter für Diskussionen zwischen Union und SPD. Während in Berlin darüber gestritten wird, ob der ausgesetzte Nachzug für Flüchtlinge, die nur unter dem sogenannten subsidiären Schutz stehen, wie geplant ab August in 1000 Fällen pro Monat wieder zugelassen wird, bleibt es für alle anderen Flüchtlinge bei der bisherigen Regelung: Wer nach unter Umständen langer Verfahrensdauer anerkannt wurde, darf seinen Ehepartner, seine Kinder oder als Minderjähriger seine Eltern nach Deutschland holen.

Dies ist inzwischen auch bei vielen Flüchtlingen in Lampertheim der Fall. Viele leben nun schon seit einigen Jahren in der Spargelstadt und erwarten sehnsüchtig den Entscheid über ihren Asylantrag. Wenn der dann positiv ausfällt, bemühen sich diese Menschen natürlich darum, ihre Lieben sicher in die neue Heimat zu holen.

Dadurch ergeben sich oft neue Schwierigkeiten, denn meist ist es schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die meisten haben fürs Wohnen nur das Geld zur Verfügung, das das Jobcenter gewährt, weil viele ohne Arbeit sind.

Erfolg durch Vernetzung

Trotzdem ist die Situation nicht aussichtslos. Das berichten Erster Stadtrat Jens Klingler und Kristina Delceva, die als Sozialarbeiterin bei der Stadtverwaltung für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig ist, im Gespräch mit dem „Südhessen Morgen“. „Viele haben selbstständig eine Wohnung gefunden, weil sie gut vernetzt sind, oder mit Hilfe der Ehrenamtlichen“, freut sich Delceva. Unterstützung bei der Wohnungssuche könne beispielsweise so aussehen, dass jemand für die Flüchtlinge bei Vermietern anruft, um mögliche Verständigungsprobleme zu umschiffen.

„Leider bekommen wir nach wie vor erst sehr kurzfristig die Meldung vom Kreis, wenn eine Familie kommt“, berichtet Klingler. Es sei dann oft schwer, innerhalb von wenigen Tagen Räumlichkeiten für die Nachzügler zu finden. In Rosengarten beispielsweise sei eine Familie in der Alten Post untergekommen, die dortige Gemeinschaftsunterkunft wurde aufgelöst, weil auch der Bedarf zurückgegangen ist, so Klingler. Dies könne auch bei anderen Unterkünften in Zukunft eine Lösung sein. Der Kreis agiere ähnlich. „Es ist unser Bestreben, Wohnraum zur Verfügung zu stellen“, erklärt der Erste Stadtrat. Das kürzlich ins Leben gerufene Projekt „CleVermieter“ sei ebenfalls eine Reaktion auf die Problematik (wir berichteten).

Dass der Familiennachzug für einen Teil der Flüchtlinge bis Sommer ausgesetzt ist, sei für die Kommunen gut gewesen, urteilt Klingler. Wie es sich auswirkt, wenn der Stopp wieder aufgehoben wird, könne er derzeit allerdings nicht absehen. Aktuell würde immer weniger Flüchtlinge würden neu nach Lampertheim zugewiesen.

Trotzdem hat sich der Magistrat der Stadt jetzt entschieden, Delcevas Stelle als Koordinatorin zu entfristen und sie dauerhaft im Fachbereich Familie und Soziales zu beschäftigen. Die Sozialarbeiterin hatte im November 2015, als die Zahl der Asylsuchenden extrem hoch war, auch in Lampertheim sehr viele Geflüchtete ankamen und die Verwaltung rasch auf die neue Situation reagieren musste, ihre Tätigkeit aufgenommen – mit einem befristeten Vertrag. Während damals vor allem im Vordergrund stand, wie und wo die vielen Frauen, Männer und Kinder untergebracht und betreut werden können, starte jetzt die Integration der Menschen. „Das ist jetzt die Hauptaufgabe“, so Delceva. Damit die gelingen kann, arbeitet sie mit zahlreichen Personen und Einrichtungen zusammen, vermittelt auf vielen Ebenen, stellt Kontakte her.

„Es ist nach wie vor wichtig, den Leuten an den Stellen zu helfen, an denen sie allein nicht weiterkommen“, sagt Klingler. Wobei sehr viele sich inzwischen auch gut zurechtfänden – im Land, in Lampertheim und in der Gesellschaft. Hierbei kämen vor allem auch die Integrationslotsen zum Einsatz, die in den vergangenen Monaten ausgebildet wurden.

Stolz auf bisherige Arbeit

Die ehrenamtliche Hilfe, in der sich seit 2015 sehr viele Lampertheimer engagierten, koordiniert weiterhin Kurt Stass. Doch deren Einsatz sei längst nicht mehr so dringend notwendig wie in der Anfangszeit. Inzwischen hätten sich auch neue Strukturen entwickelt und viele wollen einfach weitermachen, weil es Spaß macht. Der Hilfeladen EMiL oder auch die Projekte in den Sportvereinen seien gute Beispiele dafür. Delceva ergänzt: „Wir können mit Stolz sagen: Viele haben die Sprache gut gelernt. Viele haben einen festen Charakter und Ziele. Die wollen etwas erreichen und ihr Leben festigen.“ Nun bemühe sich die Stadt, das Potenzial, das in den Menschen stecke, nicht verlorengehen zu lassen. „Das ist Integration“ – in dieser Einschätzung sind sich Klingler und Delceva einig.

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