Lampertheim

Schillerschule Landrat Christian Engelhardt besucht Mundart-Unterricht

Kinder lernen Lômbadda Platt

Archivartikel

LAMPERTHEIM.Dumm gebabbelt is glei – richtig Dialekt sprechen aber will gelernt sein. Die Schillerschule und die „Lômbadda Babbler“ um Karl-Heinz „Kalle“ Horstfeld haben deshalb eine spezielle Mundart-AG an der Grundschule eingerichtet. 13 Kinder lernen seit Februar im „Heimatkundlichen Sprachunterricht“ nicht nur ihre Heimat besser kennen, sondern auch „Lômbadda Platt“. Weil auch Landrat Christian Engelhardt vom Projekt begeistert ist, besuchte er nun den Unterricht.

Bei den gut geschulten Mädchen und Jungen hatte „der Lôndraad“ aber erstmal einen schweren Stand. „Was sind denn Abgewellte? Und wo laufen Emmese herum?“, wollten sie vom gebürtigen Schwaben wissen. Während der Landrat unwissend schaute, wussten es die Kinder besser. „Pellkartoffeln und Ameisen – natürlich“, erklärte ihm Drittklässlerin Anna. Beim „Bembel“ aber war sich Engelhardt dann sicher, dass es sich um einen Apfelweinkrug handelt – hatte seine Rechnung aber ohne den Lampertheimer Dialekt gemacht. „Bei uns waren das Schranken, die der Bahnwärter am Gleisübergang runter gekurbelt hat“, verriet Kalle Horstfeld. Punkten konnte der Landrat dann aber doch noch – „Latwejer“ hat er nämlich schon selbst gekocht. Und auch „Riwwelkuche“ und „Quadratlatscher“ konnte der Landrat entschlüsseln. Von den jungen Fragestellern gab es dafür Applaus.

Aber auch Engelhardt selbst sparte nicht mit Lob für Kinder, Initiatoren und die Schule. Der Mundart-Sprachunterricht sei ein „spannendes Projekt“. „Sprache ist verbunden mit Tradition und Heimatverbundenheit“, betonte er. Für ihn sind Weltoffenheit und das Bewahren von Traditionen kein Gegensatz. „Wir alle auf der Welt gehören zusammen“, erklärte er den Kindern, „aber trotzdem hat jede Stadt etwas Besonderes“. Das sei erhaltenswert.

Integrativer Faktor

Besonders wertvoll sei das Projekt, weil eine ganze Generation den echten Dialekt schon verlernt habe. Gerade junge Menschen kennen kaum noch alte Begriffe, für Zugezogene hat Mundart außerdem einen integrativen Faktor. Das wurde auch am Kurs deutlich.

Bei den 13 Kindern, von denen viele Migrationshintergrund haben, wird zuhause kaum Dialekt gesprochen. Nur die achtjährige Anna kannte „Platt“ schon von ihren Großeltern. Ashvins Eltern kommen dagegen aus Sri-Lanka. Seine Familie wollte aber endlich auch die „Lômbadda“ verstehen. Der Neunjährige ist nun der Übersetzer für Dialekt in seiner Familie. „Ich finde die Wörter toll“, freute er sich. Sein Lieblingswort: „Abgewellte!“.

Dass Kinder Mundart wieder erlernen, sei auch für die aktive Mundartszene im Kreis neu, bestätigte Engelhardt. Er erkannte darin „ein neues Bewusstsein für Regionalität“. Nicht zuletzt deshalb hat das Staatliche Schulamt dem Projekt zugestimmt.

In insgesamt acht Unterrichtsstunden von 45 Minuten babbeln, singen und lachen die Dritt- und Viertklässler zusammen. Die zündende Idee hatte Nadine Schütz schon beim ersten Treffen der Dialektgruppe, die inzwischen eine Arbeitsgemeinschaft der Volkshochschule ist.

Gemeinsam mit Initiator Kalle Horstfeld leitet die Lampertheimerin den Unterricht. Diesmal las sie den Kindern aus dem „Lambada Struwwelpejda“ – in Dialekt von Walter Sauer übersetzt – vor. Bei den „Dindebengel“ (Tintenbengel) ging es weniger um die Moral von der Geschichte, sondern die Übersetzung von Mundartbegriffen wie „Benzenickel“ oder „Schuhwichs“. Beim Spargellied konnte der Landrat dann sogar schon mitsingen.

Am Ende des Schuljahres wollen die Beteiligten den Kurs auswerten. Dass die Kinder dadurch hochdeutsche Begriffe verlernen könnten, glauben sie nicht. Auch vonseiten der Schulleitung und Lehrerschaft gibt es keine Vorbehalte. „Sie ersetzen damit nicht Hochdeutsch, sondern nutzen es als Fremdsprache, wechseln zwischen den Wörtern“, erklärte Nadine Schütz.

Rechtschreibung lehre man in dem Kurs ohnehin nicht. Vielleicht werden die babbelnden Kids dann zu Vorreitern im Kreis. Ashvin jedenfalls würde im nächsten Jahr wieder teilnehmen. ksm

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