Lampertheim

Analyse Was der ambitionierten Lampertheimer Gemeinwesenkultur fehlt, um sich weiterentwickeln zu können

Kritik bedeutet Wertschätzung

Archivartikel

Lampertheim.Warum für viel Geld Künstler von außerhalb engagieren? Lampertheim hat Kulturtreibende im Übermaß: Seit das städtische Kulturamt die Initiative ergriffen und 2001 eine Künstlerkartei angelegt hat, gibt es für heimische Musiker, Maler und Autoren eine Bühne, auf der sie ihre Talente ausleben können. Das ist vorbildliche, vielleicht auf weitem Raum einzigartige Kulturarbeit, wie sie einer Kleinstadt alle Ehre macht.

Tatsächlich hat Lampertheim in den vergangenen Jahren unter der Federführung von Kultur-Fachbereichsleiter Rolf Hecher eine Plattform für Menschen geschaffen, die ihrer Leidenschaft bislang allenfalls im Hobbykeller gefrönt haben. Und die sich nun in der Musiker-, Künstler- oder Wort-Initiative einbringen. Zur eigenen Freude, aber auch zur Unterhaltung vieler dankbarer Besucher, wie es das Flaggschiff der städtischen Kulturszene, die Lampertheimer Musiker-Initiative, seit 2007 beweist.

Gemeinwesenkultur nennt Rolf Hecher das Konzept im Unterschied zur Angebotskultur, bei der sich das Kulturamt einer Stadt lediglich um die Verpflichtung auswärtiger Künstler kümmert. Nicht zu vergessen die Volksfeste und Festivals, die in Lampertheim regelmäßig für Massenzuläufe sorgen und im kulturellen Portfolio wichtige Faktoren für die Neuausrichtung des Stadtmarketings sind.

Kirchenmusikalische Akzente

Zugleich sorgen gerade auch die säkulare und kirchliche Chorszene, nicht zuletzt aber auch die unterschiedlichen Gruppen der Musikschule für kulturelle Höhepunkte im städtischen Veranstaltungskalender. Im kirchlichen Spektrum setzt hierbei vor allem die Lampertheimer Domkirche Akzente. Deren Kantorin Heike Ittmann hat soeben nicht umsonst den neu geschaffenen Kulturpreis erhalten.

Doch diesen hat die rührige Kirchenmusikerin nicht nur für ihre Chorarbeit mit der Dekanatskantorei bekommen, sondern auch und vor allem für die Begründung des Orgelsommers, der seit über einem Jahrzehnt deutschlandweit namhafte Musiker an die Vleugels-Orgel der Lampertheimer Domkirche bringt. Eine lebendige städtische Kultur braucht denn auch diese Impulse von außen, um sich weiterentwickeln zu können.

In Lampertheim hat sich diesbezüglich eine Kulturszene entwickelt, die sich fast ein wenig selbst genügt und damit auch Wiederholungen und Redundanzen riskiert. Und die selten einen Ansatz bietet für eine kritische Öffentlichkeit. Denn was die in Lampertheim tätigen Musiker, Künstler und Autoren mit bewundernswertem Engagement und beachtlichen Talenten vorlegen, verdient Würdigung und Respekt – und entzieht sich einer objektiven qualitativen Einordnung.

Selbst die x-te Auflage einer Soulnight wird in den Lokalzeitungen enthusiastisch besprochen. Und auch über der Anthologie mit Texten von Teilnehmern des Lampertheimer Schreibwettbewerbs schwebt die ungeteilte Anerkennung einer wohlwollenden Öffentlichkeit, die ihre kritische Haltung bereitwillig an den Grenzen der Wertschätzung zurücklässt.

Zu befürworten ist keine Kritik um der Kritik willen. Vielmehr geht es um den Stellenwert, den Kritik für die Kulturtreibenden wie für das Publikum besitzt. Denn ehrlichstes Zeichen für die Wertschätzung eines kulturellen Beitrags ist nicht das vorbehaltlose Wohlwollen, sondern die konstruktive Kritik. Davon profitieren im übrigen sowohl Kulturtreibende als auch die Besucher von kulturellen Veranstaltungen.

Deshalb ist auch Lampertheim mit seiner ausgeprägten Gemeinwesenkultur auf eine stärkere kulturelle Befruchtung von außen angewiesen. Hierfür wären sowohl zusätzliche finanzielle Mittel bereitzustellen als auch neue und geeignete Räumlichkeiten zu schaffen. Dass Lampertheim eine Kulturstätte braucht, scheint in der Diskussion über ein Konzept für den Stadtumbau Konsens. Inzwischen gibt es jedoch Befürworter, eine solche Einrichtung in einen künftigen Biedensand-Campus zu integrieren.

Vision oder Illusion?

Doch dieser Campus ist bislang nichts weiter als eine – wenn auch inspirierende – Vision. Nichts könnte dem Kulturstandort Lampertheim aber mehr schaden, als wenn sich eine solche Kulturstätte mit der Vision für einen Bildungscampus eines Tages als Illusion erweisen würde.

Man sollte sie deshalb nicht aus dem Blick verlieren und gar aus dem innerstädtischen Stadtumbau streichen. Sie wäre für eine Kulturkonzeption, die der Gemeinwesenkultur ebenso verpflichtet ist wie sie sich über die Stadtgrenzen hinaus weiter öffnet, unerlässlich.

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