Lampertheim

Ehrenamt Familie Wagner wünscht sich Großeltern-Ersatz für ihre Kinder / Vermittlung über Ehrenamtsbörse der Stadt

Leihoma und -opa gesucht

Lampertheim.Oma schimpft nicht. Oma hat immer mindestens zwei Kilo Süßigkeiten im Schrank. Bei Oma darf man länger fernsehen. Sie spielt auch stundenlang, ohne auf die Uhr zu schauen. Und mit Opa darf man den ganzen Tag in der Garage basteln. Oma und Opa, das weiß jedes Kind, sind einfach die Besten. Doch was, wenn Oma und Opa nicht (mehr) da sind? Oder Hunderte Kilometer und mehrere Landesgrenzen entfernt wohnen? Die Lampertheimerin Julia Wagner kennt das Gefühl, als Familie gänzlich auf sich selbst gestellt zu sein. Beide Großelternpaare der kleinen Familie sind bereits verstorben. Für den 14 Monate alten Henry und seine zwölfjährige Schwester suchen die Eltern deshalb eine Leihoma und einen Leihopa.

„Dabei geht es aber nicht um einen Babysitter. Nullkommanull“, stellt die Mutter im Gespräch klar. Vielmehr sucht sie für ihre Sprösslinge eine oder zwei feste Bezugspersonen aus ihrer „Eltern-Generation“, also ab etwa 45 Jahren. „Es geht nicht um das bloße Aufpassen, sondern darum, über Jahre eine familiäre Situation zu schaffen“, erklärt Julia Wagner. Etwa, wenn die künftige Leihoma spontan auf einen Kaffee vorbeikommen möchte, Plätzchen backt oder eine Hühnersuppe kocht, wenn der Steppke kränkelt. Davon, ist sich die Mutter sicher, würden nicht nur die Kinder selbst, sondern alle Beteiligten profitieren.

Immer weniger Kinder wachsen mit regelmäßigem Kontakt zu ihren Großeltern auf. Das Prinzip Großfamilie geht, besonders in Großstädten, mehr und mehr verloren. Dabei seien Großeltern für Kinder enorm wichtige Sozialkontakte und könnten Eltern obendrein beim Vereinbaren von Job und Familie entlasten, sagt Julia Wagner. Die zweifache Mutter weiß, wovon sie spricht.

„Schön, wenn jemand da wäre“

Im Hinblick auf die „Corona-Zeit“ seien die Stichwörter „Vereinsamung“ und „Isolation“ wieder verstärkt im Fokus. Tatsächlich gibt es, das stellten jüngst auch die Einkaufshelfer in Lampertheim fest, zahlreiche ältere Menschen, die entweder kinderlos geblieben sind oder einfach Anschluss an eine Familienbande und eine sinnvolle Beschäftigung suchen. Wichtig ist Wagner aber, dass das Dasein als Leihoma kein Arbeitsverhältnis oder eine ständig wechselnde Vermittlung ist. Die Idee, nach einem Großeltern-Ersatz zu suchen, ist der Mutter bereits rund um die Weihnachtstage im vergangenen Jahr gekommen. Während die Familie in den Vorjahren immer von Oma zu Oma getingelt ist, musste sie 2019 erstmals ganz ohne Verwandtschaft feiern. „Es wäre einfach schön, wenn jemand da wäre“, sagt die junge Frau.

Mit einem Facebook-Aufruf hat sie sich an die Lampertheimer gewandt, für den Beitrag gab es zunächst „wahnsinnig viel“ Resonanz. Oftmals stünden dem Erfolg aber ein Missverständnis und leidige Fragen wie „Wie hoch ist die Bezahlung?“ und „Wie oft muss ich kommen?“ im Weg. „Die Person, oder im Idealfall ein Paar, soll gar nicht kommen müssen. Sie sollten kommen wollen“, erklärt Julia Wagner ihre Intention.

Dass aber auch eine Leihoma nicht immer Zeit haben könne, sei klar. Denn das habe die leibliche Oma ja auch nicht. Im Altersheim waren die Wagners mit ihren Kindern bereits mehrfach. Langfristig wünscht sich die Familie Menschen, die über Jahre für ihre Kinder da sein und auch Dinge wie Spaziergänge oder Schwimmbadbesuche unternehmen können. „Das ist natürlich keine einmalige Sache und braucht Zeit zum Kennenlernen und gegenseitiges Vertrauen. Die Chemie muss stimmen“, weiß die Mutter.

Geklappt hat es seit dem Aufruf nicht. Nun ist aber die Stadt auf die Familie aufmerksam geworden – und hat das Angebot „Suche Leihoma/Leihopa“ in die Ehrenamtsbörse aufgenommen. Dort können Lampertheimer seit 2013 ehrenamtliche Angebote einstellen, abfragen oder eigene Suchanfragen erstellen. So hoffen Julia Wagner und Silke Reis, die das Projekt für die Stadtverwaltung betreut, auf einen baldigen Treffer. Bedarf, glauben sie, müsste es dafür geben. Sollte die Vermittlung glücken, kann sich Reis eine Ausweitung auf weitere Familien vorstellen. Mutter Julia Wagner hofft, mit ihrer Suche einen Stein ins Rollen zu bringen.

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