Lampertheim

Gut fürs Klima Technische Betriebsdienste hängen Nisthilfen auf / Vögel nehmen künstliche Nester gut an / Weitere Aktion geplant

Mehlschwalben als dankbare Untermieter

Archivartikel

Lampertheim.„Schwalbennester darf man niemals von der Hauswand schlagen. Das bringt Unglück!“ Diese Mahnung ihrer Mutter klingt Brigitte Stass bis heute in den Ohren.Vielleicht ein Grund, warum die Lampertheimerin die geschickten Flugkünstler so sehr mag. Sogar Nisthilfen hat sie an ihrem Haus anbringen lassen und freut sich auch in diesem Sommer über die Vögel als Untermieter.

Ein leises Piepen ist aus einem der Nester zu hören, die sich unterhalb der Dachtraufe befinden. Künstliche wie natürliche Nistplätze hängen dort wie aufgereiht. „Und in beiden Arten von Brutstätten sind schon Junge geschlüpft“, berichtet Brigitte Stass.

In jedem Frühling wartet die Lampertheimer Stadtverordnetenvorsteherin, bis die Vögel mit dem eleganten Schwanzgefieder aus ihren Winterquartieren in Afrika – südlich der Sahara – zurückkehren. Das war auch im Jahr 2005 so, als sie und ihr Mann Kurt ihr 1979 gebautes Haus modernisierten. „Das halbe Obergeschoss mit samt dem Dach kam weg“, erinnert sich das Paar. Die Tierfreunde sorgten sich, sie könnten mit ihrem Bauprojekt die Schwalben für immer aus ihrer Nähe vertrieben haben. „Doch schon im nächste Jahr kamen sie wieder.“

Dennoch hat die Zahl der natürlichen Nester an der Hauswand von Brigitte und Kurt Stass in den vergangenen Jahren abgenommen. Ein Phänomen, das man nicht nur bei ihnen beobachtet. Auch in der Lampertheimer Ringstraße, an den alten Tabakscheunen in der Innenstadt oder auch im Stadtteil Neuschloß, wo es traditionell größere Vorkommen an Mehlschwalben gab, ist die Zahl der Nester zurückgegangen.

„Dafür gibt es gleich mehrere Gründe“, erklärt Sabine Vilgis, Leiterin der Technischen Betriebsdienste. Zum einen ist das Nahrungsangebot für die Mehlschwalben in der Stadt zurückgegangen. Wo weniger Blütenpflanzen als früher wachsen, gibt es auch weniger Insekten, die die Schwalben fressen können.

Zum anderen sind die Schwalben nicht überall willkommen. Aus Angst vor Dreck und Kot am Haus, würden immer wieder alte Nester entfernt, was laut Bundesnaturschutzgesetz verboten ist. „Dabei kann man mit Hilfe eines unter den Nestern angebrachten Kotbretts Verschmutzungen vermeiden“, betont Sabine Vilgis, die Mut machen will, mit Mehlschwalben zusammen zu wohnen.

Unterdessen hat sich der Lampertheimer Arbeitskreis Biodiversität entschieden, sich in diesem Jahr besonders den Mehlschwalben anzunehmen. Sein Vorhaben: rund 50 sogenannte Doppelnester im Stadtgebiet anbringen, um den lokalen Bestand der Schwalben zu erhöhen und somit den Erhalt der Vogelart zu sichern. Auch Bürger wollten die Initiatoren für das Projekt gewinnen. In einem Zeitungsartikel riefen sie interessierte Tierfreunde auf, sich bei den Technischen Betriebsdiensten zu melden. Die ersten 50 Anrufer sollten eine Nisthilfe aus Holzbeton erhalten, die zudem kostenlos angebracht würde.

Nach der Veröffentlichung meldeten sich Brigitte und Kurt Stass. „Innerhalb von zehn Minuten hatten die Bauhof-Mitarbeiter die künstlichen Nester angebracht“, erzählen die beiden. Und schon wenige Wochen später zogen die ersten Schwalben dort ein. „Man kann nicht erkennen, ob sie die von Artgenossen oder die von Menschen gebauten Nistplätze bevorzugen“, meint das Paar.

Doch neben Brigitte und Kurt Stass reagierten zunächst nur wenige Spargelstädter auf das Angebot. „Jetzt über Sommer sind aber doch noch einige Anfragen gekommen“, berichtet Sabine Vilgis. Daher möchte sie die Nest-Aufhäng-Aktion im Herbst noch einmal wiederholen. „Vielleicht erklären sich dann doch noch einige Lampertheimer bereit, Mehlschwalben als Untermieter zu akzeptieren.

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