Lampertheim

Prozess 82-jähriger Lampertheimer vor Gericht

Menschliche Tragödie im Pflegeheim

Archivartikel

Lampertheim/Darmstadt.„Mit wem sind Sie heute Morgen hergekommen?“, fragt der Richter den Angeklagten. Undeutlich und leise antwortet er: „Mit meiner Frau.“ Die ist jedoch seit sechs Jahren tot. Der 82-Jährige ist schwer dement und kann sich nicht erinnern. Nicht an den Tod seiner Frau, nicht an die Geschehnisse der frühen Morgenstunden des 3. Dezember 2018. Damals lebte er in einem Pflegeheim in Lampertheim. Gegen halb sieben schlug er auf eine 54-jährige, ebenfalls schwer an Demenz erkrankte Mitbewohnerin, ein und drosselte sie mit einem Gürtel. Sie überlebte. Doch es bestand „potenzielle Lebensgefahr“, wie der Gerichtsmediziner Axel Schnabel erläutert. Tatvorwurf: Versuchter Totschlag.

Der Prozess fand gestern vor dem Landgericht Darmstadt statt. In den Plädoyers waren sich Pflichtverteidiger Michael Schlicht und Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge einig. Das Urteil lautet: Unterbringung in einer Einrichtung für forensische Psychiatrie. Hier leben psychisch kranke Straftäter. Trotz der – von Gutachter und Psychiater Sven Krimmer bestätigten – Schuldunfähigkeit sei eine Unterbringung in einem Pflegeheim nicht möglich, da die Gefahr der Wiederholung hoch sei, so der Vorsitzende Richter Volker Wagner. Aggressivität sei eine Begleiterscheinung der vaskulären Demenz, unter der der Angeklagte leide, so Krimmer.

Eine Pflegerin entdeckte am 3. Dezember vergangenen Jahres den Angeklagten über die Geschädigte gebeugt. Als die Pflegerin diesen Momente schildert, fließen die Tränen. „Ich bin zu meinem Kollegen gerannt, um Hilfe zu holen“, berichtet sie weiter. Dann ging alles ganz schnell. Die Polizei kam, der Notarzt, der Rettungswagen und der Erkennungsdienst kamen hinzu, um Spuren zu sichern.

Kein Gespräch möglich

Zwei Pflegekräfte brachten den heute 82-Jährigen in sein Zimmer. Er legte sich in sein Bett und „wirkte fast schläfrig“, wie einer der Polizisten im Zeugenstand aussagt. Alle Zeugen bestätigen, dass ein Gespräch mit dem Lampertheimer über die Tat nicht möglich gewesen sei. Weder kurz danach, wie die Polizei schildert, noch heute, wie Krimmer aus der Klinik für forensische Psychiatrie Haina, in der der Angeklagte inzwischen untergebracht ist, bestätigt. Als die Polizei ihm kurz nach der Tat erzählte, was geschehen ist, soll er zu ihnen gesagt haben „Ich war’s! Schießt mir in den Kopf.“

Bei diesem öffentlichen Prozess sitzt auch der Bruder des Angeklagten im Zuschauerraum. Für ihn sind die Tat und die Schilderungen bei der Verhandlung unbegreiflich: „Das ist eine menschliche Tragödie, die ich nie für möglich gehalten hätte“, sagt er. Am Tag zuvor habe er seinen Bruder noch im Lampertheimer Pflegeheim zu seinem Geburtstag besucht. Sie hätten gemeinsam Fotos angeschaut; nichts deutete auf solch ein Verhalten hin.

„Er wurde mal lauter, wenn ihm aufgrund der Demenz die Worte fehlten oder er etwas nicht so hinbekommen hat wie früher. Aber aggressiv war er nie“, beteuert die Tochter des Täters. Früher engagierte er sich sozial, war in der Feuerwehr und dem freiwilligen Polizeidienst aktiv und kümmerte sich immer gut um die Familie, sagt sie.

In der Urteilsbegründung spricht Richter Volker Wagner mit Blick auf die Demenzerkrankung des Angeklagten von einem „tragischen Ereignis“. Die Familie des Täters strebt nun eine ortsnahe Unterbringung an. ahei

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