Lampertheim

Foodsharing In Haushalten und im Handel landen jedes Jahr Unmengen von Lebensmitteln im Müll. Engagierte Frauen und Männer sammeln und verteilen die wertvolle Ware

Michaela Zeng rettet wertvolle Lebensmittel

Lampertheim.Für Michaela Zeng ist die Verschwendung von Lebensmitteln respektlos. Und zwar gegenüber der Gesellschaft, der Natur, den Tieren und den Menschen, die das Essen produzieren, wie die Lampertheimerin betont. Die Künstlerin ist seit fünf Jahren in der Foodsharing-Szene aktiv und hat eigenen Angaben zufolge schon tonnenweise Lebensmittel gerettet. Gerade räumt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann André Link die Orangen der jüngsten Abholung aus dem Auto. Bei dem sogenannten Foodsharing – also dem Teilen von Lebensmitteln – handelt es sich um ein deutschlandweites Netzwerk, dass überschüssige Lebensmittel verteilt und sich dabei über das Internet organisiert. Getragen wird die Initiative vom Verein „Foodsharing“ in Deutschland.

Eine wichtige Aufgabe, wie die Aktivistin sagt. „Jeder Deutsche wirft 82 Kilogramm Lebensmittel weg, obwohl diese noch genießbar sind“, sagt Michaela Zeng. Das seien in den privaten Haushalten zusammengerechnet fast sieben Millionen Tonnen im Jahr. In Deutschland seien es demnach etwa 18 Millionen Tonnen jährlich, die jedes Jahr von Industrie, Handel, Großverbrauchern und Privathaushalten entsorgt werden. Mit den Themen, wie die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung ist Zeng auf verschiedenen Veranstaltungen präsent. Sie hält Vorträge über ihre Tätigkeit und bezieht sich dabei auf Studien.

Viel Ertrag wegen der Festtage

Es handle sich bei ihrer Tätigkeit um gelebten Umweltschutz und zugleich um soziales Engagement. „Foodsharer engagieren sich für die Abholung und Verteilung überschüssiger Lebensmittel“, sagt die Lampertheimerin. Zeng holt in regelmäßigen Abständen die ungewollten oder überproduzierten Esswaren in eingetragenen kleinen und großen Betrieben ab. Dazu zählen Supermärkte, Bäckereien, Tankstellen, Gaststätten oder auch landwirtschaftliche Betriebe.

Das Sammeln der Lebensmittel sei gut organisiert und funktioniere reibungslos. „Es gibt Betriebsgruppen, die Foodsharer tragen sich ein und organisieren sich online per Kalender. „Nach Weihnachten bis zum sechsten Januar war Hochbetrieb“, resümiert die 47-Jährige. Es wurden schließlich Unmengen an essbaren Weihnachtsartikeln und Zutaten für eine umfangreiche Festtafel produziert, die jedoch nicht alle über die Ladentheke gingen und später im Müll gelandet wären: „Bei anderen Saison- und Geschenkartikeln verhalte es sich ähnlich wie bei den Weihnachtsartikeln“, klärt Zeng auf.

Wie Erzeugnisse für den Valentins- oder Muttertag. „Wir Foodsharer garantieren eine 100-prozentige Abholung, um die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren“, betont Michaela Zeng. Sie habe montags alle 14 Tage eine große Abholung. Dann holt sie durchschnittlich 25 bis 35 Kisten Nahrungsmittel und sortiert die Esswaren, um sie später zu verschenken.

„Es fließt kein Geld“

Meist würden die Lebensmittel bis 20 Uhr von umweltbewussten Menschen abgeholt. Wenn es Reste gibt, lagert das Ehepaar diese über Nacht bei sich zu Hause ein. „Ich bin ein ’Fair-Teiler’ auf meinem eigenen Hof, in der Ringstraße“, sagt Zeng. Sie erklärt, dass jeder ohne Anmeldung an den Verteilertagen zu ihr kommen und sich nehmen darf. So viel, wie benötigt wird.

Ist etwas angekommen oder abzuholen, müssten Helfer und Verbraucher zeitnah verständigt und mobilisiert werden. Obendrein gibt ein Hinweis am Gargagentor Auskunft über Abholzeiten. Zeng hat eine Lampertheimer Foodsharing-Facebook-Gruppe aufgebaut. „Wir ehrenamtlichen Mitglieder sind über das Internet miteinander verbunden und tauschen uns aus“, kann sie berichten. Sie ergänzt: „Es fließt kein Geld, die Waren dürfen nicht weiter verkauft werden, es geht darum, dass die Lebensmittel genutzt werden und deshalb gibt es keine Bedürftigkeit-Priorität.“

Oftmals sei bei den Nahrungsmitteln das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. „Doch die Produkte sind meistens noch lange genießbar“, betont Zeng. Der Verbraucher könne selbst probieren und entscheiden. Im Gegensatz zu den Tafelbetrieben nehmen die Foodsharer Waren mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum und angebrochenen Verpackungen. Außerdem setzten sich die Lebensmittel-Retter für ein Ende „des Verpackungswahnsinns“ ein und fordern, dass etwa Supermärkte keine Waren mehr wegwerfen dürfen. Die Lampertheimerin und ihre Mitstreiter holen auch Produkte ab, von denen die Verpackungen beschädigt sind. „Wir arbeiten mit den Tafeln zusammen und unsere Abholung läuft nachrangig“, erklärt Zeng. Da sie Mengen von Backwaren rettet, nennt sie folgendes Beispiel: Für die Herstellung eines Brotes sind viele Arbeitsschritte und Ressourcen nötig. Sechs bis zehn Monate wächst Getreide bis zur Ernte.

Jedes Weizenkorn braucht Wasser, auch der Teig braucht Wasser. So kämen etwa tausend Liter Wasser für ein Kilogramm Brot zusammen. Um wachsen zu können, benötige das Getreide knapp zwei Quadratmeter Fläche.

Schokolade sei ein weiteres Beispiel für den hohen Ressourcenverbrauch. Dabei sei oftmals unklar, welche Produktionswege hinter einer Tafel Schokolade steckten. Neben den Ressourcen müsse man in manchen Fällen auch von unfairen Arbeitsbedingungen und weiten Transportwegen ausgehen. „Jeder Konsum von Lebensmitteln ist Ressourcenverbrauch. Dazu zählen Wasser, Energie, Arbeitskraft und Ackerfläche“, sagt Zeng.

Hinzu komme, dass auch die Herstellung von Lebensmitteln auch die CO2-Emissionen in die Höhe treiben. Ziel sei es, dass die aufwendig produzierten Lebensmittel dann wenigstens auch gegessen werden, sagt die Lampertheimerin.

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